Wie einfach ist “ich nicht”?

“Die Vergangenheit ist stets ein imaginäres Museum. Man zeichnet im nachhinein nicht etwa auf, was man erlebt hat, sondern was die Zeit, die wachsende perspektivische Verschiebung sowie der eigene Formwille im Chaos halbverschütteter Erlebnisse daraus gemacht haben. Im ganzen hält man weniger fest, wie es eigentlich gewesen, sondern wie man wurde, wer man ist.” Dies resümiert Joachim Fest am Schluss seiner Autobiografie.
Fest betont immer die Rolle seines Vaters, der die ganze Familie gegen die NS-Ideologie immunisierte. Gestern gab mir einer meiner Erzähler zu bedenken: “Aber Joachim Fest hat´s doch leicht gehabt, er musste sich seine Meinung nicht alleine und gegen den Willen seiner Nächsten bilden.” Natürlich litt die Familie unter ihrer Gegnerschaft und hatte etliche Nachteile. Und es gab Momente, an denen Fests Vater an Hitlers Erfolgen verzagte.
Dennoch eine spannende Frage: War es für Joachim Fest einfacher, “ich nicht” zu sagen, als für jemand, der in einem gänzlich anderen Milieu oder mit Nazi-Eltern aufwuchs? Ich glaube nicht, dass es einfach “einfacher” war, aber für ihn logischer und konsequenter. Doch nur wenige seiner Altersgenossen hatten wohl eingefleischte Anhänger der Weimarer Republik zum Vater, die dann auch nicht der Faszination Hitlers erlagen. Fest tat gut daran, seinem Vater zu glauben.

Ein Kommentar zu “Wie einfach ist “ich nicht”?”

  1. Matthias Brömmelhaus
    Oktober 19th, 2006 16:41
    1

    Insofern wäre der eigentliche “Held” der Vater, der mit seiner konsequenten Haltung dem Sohn das war, was ein Vater sein sollte: ein Vorbild. Am wichtigsten ist es aber doch, dass endlich mal wieder jemand die Stimme erhoben hat, der sich dem Nationalsozialismus verweigerte. Es war also möglich und man wurde dafür auch nicht gleich “an die Wand gestellt”, wie uns so viele Altvordere noch immer weiß machen wollen.

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