Muss man ein Nazi gewesen sein?

“Muss man”, so ein Kolumnist des französischen Radiosenders France Inter, “unbedingt ein Nazi gewesen sein, um sich heute interessant machen zu können?” Nein, muss man nicht. Manchmal reicht schon eine neue Freundin oder vergoldete Kinderhäufchen. Dennoch bleibt zu konstatieren, dass Günter Grass da einiges losgetreten hat. Im Gegensatz zu ihm hatte der nun verstorbene Joachim Fest seine Autobiographie vollendet, die davon handelt, dass der junge Fest eben nicht mit den Nazis sympathisierte. Das gab es eben auch.

Erst war gar niemand nirgends an irgendwelchen Nazi-Verbrechen beteiligt, dann waren alle Deutschen kollektivschuldig, inzwischen ist der Abstand zu Ideologien groß genug, um zu differenzieren. Oder der Abstand führt zu Unbefangenheit. So ist in Frankreich gerade ein neuer Bestseller auf dem Markt. Jonathan Littel schrieb den 900-Seiten Roman “Les Bienveillantes“. Der fiktive Held, SS-Einsatzgruppenleiter Max Aue erzählt aus seinem Leben. Stalingrad, Massaker an jüdischen Ukrainern, trifft kurz vor Kriegsende Ernst Jünger, kneift im Führerbunker Hitler in die Nase und erschlägt seine Mutter irgendwann mit der Axt. Starker Tobak. Der Autor Jonathan Littel ist 38 Jahre alt, Historiker und bisher für humanitäre Organisationen in Tschetschenien und auf dem Balkan tätig gewesen. Sein Vater, ebenfalls Autor, kam als Nachfahre jüdisch-polnischer Einwanderer in New York zur Welt. Vergangenes Wochenende war das Buch in Frankreich ausverkauft und wird nun nachgedruckt. Wenn es auf Deutsch erscheint, werde ich es lesen. Ist ja nur “Fiktion”. Eine authentische Autobiographie eines NS-Verbrechers, der sich seiner Morde rühmt, wäre dann doch nicht vermittelbar. Oder noch nicht vermittelbar? Das ist für Biographen ein heikles Thema. Eine Verherrlichung von Verbrechen ist nicht tolerierbar, diesen Auftrag muss man ablehnen.

Ein Kommentar zu “Muss man ein Nazi gewesen sein?”

  1. -> Biografieblog Startseite » Blog Archive » Littel to know-> Ronald Decker Biografische Dienste - Biografieblog
    Oktober 17th, 2006 13:45
    1

    […] Als allwissender und weiser Admin weiß ich, dass Viele über mein Blog stolpern, wenn sie Informationen über den Autor Jonathan Littel suchen. Das freut mich natürlich und ich habe noch einen Hinweis parat: In der aktuellen ZEIT findet sich auf Seite 68 ein kleines nettes Porträt des Schriftstellers, leider nicht online. Daher zwei Tatsachen: So hat der Berlin-Verlag 400 000 Euro für die Übersetzungsrechte gezahlt (dafür kriegt er aber auch 900 Seiten). Littel selbst sieht aus “wie der kleine Bruder von Sean Penn” und hat keine Lust auf Interviews mehr. Sein fiktiver Buchheld, eine “apokalyptische Version von Woody Allans Zelig”, ist der Versuch zu erklären, wie aus normalen Menschen Massenmörder werden. […]

Kommentar abgeben:

Sie müssen angemeldet sein um Kommentare abgeben zu können.