Gute und schlechte Biografien

1. Die “schlechte Biografie”: Heute steckte völlig überraschend der “Rheinische Merkur” in meinem Briefkasten. Ist eigentlich nicht mein Ding, aber siehe da, im Kulturteil findet sich eine kritische Anmerkung zum Boom der Promi-Biografien: “die Blößenwahnsinnigen”. Die Kernthesen: Promi-Biografien sind Bücher für Leute, die nicht lesen, geschrieben von Leuten, die nicht schreiben. Außerdem: ein echter Promi schreibt keine Autobiografie, das macht er erst, wenn er schon nicht mehr ganz so prominent ist. In die Regale der Buchläden bringt man die Promibekenntnisse folgendermaßen: Gerüchte streuen in der Fachpresse (Bild); Fachpresse druckt die schmutzigsten Stellen; Fachpresse räumt dem daraus entstehenden Skandal weiteren Zeitungsraum ein.
2. Die “gute Biografie” kennzeichnet der Merkur so: “sie sagt etwas über viele Menschen, indem sie etwas über einen sagt, und sie sagt auch etwas über Zeit und Gesellschaft aus, die diesen Menschen zu dem machten, der er ist.”
Genau. Und am Rädchen der kollektiven Erinnerung drehen wird auch wieder der Zweiteiler “Die Flucht“. Arte zeigt ihn am 28. Februar am Stück. Am 4. und 5. März folgt die ARD. Der Film handelt von der ostpreußischen Adelsfamilie von Mahlenberg, die sich Mitte 1944 allmählich mit dem Gedanken befasst, in Richtung Westen fliehen zu müssen. Im Winter ergreift die Tochter, Lena von Mahlenberg (Maria Furtwängler), die Initiative und tritt mit der Familie und den Kriegsgefangenen des Landguts die Flucht über das Haff an, wo viele Menschen bei russischen Luftangriffen sterben. Maria Furtwängler hat Erwartungen an den Film: “Ich hoffe, dass unser Film dazu beiträgt, dass junge und alte Menschen über die schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte miteinander reden.”
Würde mich freuen, denn daraus könnten wieder einige “gute”, da erhellende Autobiografien entstehen. Lieber Omas “Durchgekommen” als Heiner Lauterbachs “Nichts ausgelassen”.

Ein Kommentar zu “Gute und schlechte Biografien”

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    Februar 26th, 2007 15:05
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    […] Walter Tiedemann war ein Ostpreuße, den es nach dem Krieg nach Kirchentellinsfurt bei Tübingen verschlug. Als Maurer verdiente er sich in der Nachkriegszeit seine Brötchen und kam dabei in so manches Haus, in dem man des “alten Plunders” überdrüssig war. Er sammelte, was andere wegschmissen. Damit ist heute das Schlossmuseum vollgestopft. Genial, ein Sammelsurium an Epochen, Lebensabschnitten, Gegenständen und Handwerkszeug - kurz und gut: die biografische Wundertüte, vom Wäschestampfer über den Konfirmationsbrief an die “Dote” (Patentante) hin zu einer kompletten Schusterwerkstatt. Wir hatten Glück und bekamen eine individuelle Führung mitsamt ausführlichen Erläuterungen “zur alten Zeit”. Wer in der Nähe ist, dem sei das Museum wärmstens empfohlen. Es gibt einen Raum, der sich mit der NS-Zeit auseinandersetzt. Darin ausgestellt auch einige Uniformen, so auch eine von SA und SS. Unser Führer (Museum, nicht Braunau) sagte sogleich, dass sich manche Besucher an der Zurschaustellung dieser Uniformen stößen, aber es sei nunmal ein Teil der Geschichte, den man nicht einfach ignorieren könne. Damit hat er recht. Und die kritischen Besucher machen es sich sehr leicht mit ihrer Variante der Vergangenheitsbewältigung. Man kann doch nicht so tun, als hätte es diese Epoche nie gegeben. Weder laufe ich deswegen in einer schwarzen Uniform herum, noch halte ich alle Deutschen für Mörder oder wahlweise nur für “Opfer”. Dies war auch Thema der sonntäglichen TTT, in der es eine Vorschau auf den ARD-Zweiteiler “Die Flucht” gab. Zwei oder dreimal tauchte in der Moderation die Frage auf: “Darf man das zeigen?” Immerhin entschloss sich die Redaktion von TTT dann doch dazu, dem Film ihr Plazet zu geben. Auch wenn Professor Hans-Ulrich Wehler sanft mahnend auf die Verbrechen der Nazizeit hinwies, die man doch nicht vergessen dürfe, wenn man sich bei der “Flucht” der Perspektive der “Opfer” bemächtige. Selbiger Wehler übrigens hat, wie schon mal erwähnt, neulich die Forderung aufgestellt, die Beschäftigung mit den Erinnerungen aus der NS-Zeit gehöre ausschließlich in die Hände der Historiker. Jeder, der sich also 60 Jahre nach dem Krieg mit seinen eigenen Erinnerungen auseinandersetzt, macht dies unautorisiert. Au weia. […]

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