Archiv für Juli, 2007

Der rote Faden

Donnerstag, 12. Juli 2007

Eine Autobiografie ist immer auch (nachträgliche) Sinnsuche. Welche Muster und Strukturen bestimmen mein Leben, wo und wann wurden welche Weichen gestellt. Ich persönlich neige zur Deutung als quais Grasssche Zwiebel. Man bleibt zeitlebens das kleine Kind im Kern, drum herum wachsen wie Altersringe neue Charaktereigenschaften, geprägt durch Erfahrungen. Die Kunst der Interpretation des Lebens besteht darin, Dinge in Bezug (zu sich) zu setzen, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammengehören. Heute beispielsweise führt Wikipedia zwei Jahrestage auf: vor 90 Jahren setzten die Deutschen im Ersten Weltkieg erstmals das Giftgas Lost ein. Und vor 45 Jahren gaben die Rolling Stones ihr erstes Konzert. Was das mit mir zu tun haben könnte? Vor einigen Jahren bereiste ich Flandern, Schau- und Schlachtplatz des Ersten Weltkrieges, immer noch fürchterlich. Das einstige Massensterben liegt wie eine düstere Aura über der eigentlich schönen Landschaft. Unser Zeltplatz mittendrin in einem damals besonders umkämpften Gebiet. Ich hatte sehr unangenehme Träume in der Nacht. Wäre ich Esoteriker, so würde ich sagen: dort ist ein Kraftplatz. Ein extrem negativer freilich.
Als die Stones zum ersten Mal im Londoner Marquee Club spielten, war ich keine 14 Tage alt. Ist doch nett, dass die Jungs Musik machen, seit es mich gibt…

Simon Wiesenthal und Tom Cruise

Mittwoch, 11. Juli 2007

Von einer “selbst gebauten Gedenkfalle” spricht Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau anlässlich der Auseinandersetzung, ob Tom Cruise als Claus Graf Schenk von Stauffenberg im Bendlerblock auftreten darf. Die Selbstgerechtigkeit der Gedenkenträger ist die eine Seite der offiziellen Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit. Am anderen Spektrum steht das Simon Wiesenthal Center, das nach wie vor nach den letzten noch lebenden Naziverbrechern sucht. Unter anderem auch nach dem gestern von mir erwähnten Alois Brunner.

Todesstrafe in Deutschland

Dienstag, 10. Juli 2007

Im gestrigen Beitrag ging es auch um Oswald Pohl. Er wurde 1951 in Landsberg hingerichtet. Das hat nicht nur meine bessere Hälfte irritiert, sondern mich bereits zum zweiten Mal. Bin vor ein paar Monaten schon mal über die Tatsache gestolpert, dass in Deutschland noch 1951 exekutiert wurde. Bis dato dachte ich, die letzte Hinrichtung fand 1949 - übrigens hier in Tübingen - statt. Laut Wikipedia haben aber allein die Amerikaner bis 1951 300 Menschen in Deutschland, vor allem in Landsberg, hingerichtet. Über dieses Thema wird ansonsten gerne geschwiegen, und wenn nicht, dann heißt es wohl: Naja, waren halt Kriegsverbrecher. Ich persönlich bin genereller Gegner der Todesstrafe. Unter anderem auch deswegen, weil Richter entgegen ihrer Selbstwahrnehmung auch nur Menschen sind, die Fehler machen. Wie dem auch sei, ich finde es nicht uninteressant, sich mit der Biografie dieser hingerichteten Namenlosen zu beschäftigen. Was waren das für Menschen? Die obersten Verbrecher Hitler, Himmler, Göring, Goebbels haben sich selbst umgebracht, andere aus der Führungsspitze wurden exekutiert, die meisten aber kamen mit dem Leben davon und machten später wieder Karriere oder sich aus dem Staub.

Kind I 364

Montag, 09. Juli 2007

Ab und zu schafft es sogar eine “Nichtpromibiogafie” in den Buchhandel. Naja, nicht ganz Nichtpromi: “Kind I 364″ war die Adoptivtochter von Oswald Pohl. Heilwig Wegers Mutter, eine Witwe, wurde schwanger von einem verheirateten Mann. Das Kind kam im Lebensbornheim Steinhöring bei München zur Welt. Lebensborne waren eine der Himmlerschen Ideen, um die Blaue und Blondäugige Rasse noch mehr zu veredeln, als sie es ohnehin schon ist. Kurz, eine Art Zuchtanstalt für Arier. Darüber gibt es eine Menge Literatur und durchaus Autobiografien. Gestern aber sendete TitelThesenTemperamente einen Beitrag über das Buch von Dorotee Schmitz-Köster über die Erinnerungen von Heilwig Weger.
Ich möchte nur den Schlussabsatz des ttt-Autors Tom Fugmann zitieren: “Als ein geschichtliches Phänomen scheint der Nationalsozialismus erforscht und bewältigt zu sein. Aber wie weit seine Deformationen in die Familien, ins Private reichte, über Generationen hinweg, das wird an Geschichten wie der von Heilwig Weger deutlich.”
Nachtrag: Laut Wikipedia hieß die Mutter Eleonore von Brüning, und war die Witwe von Ernst Rüdiger von Brüning, Sohn des Mitbegründers der Hoechster Farbwerke (ab 1925 Teil der IG Farben). Das kam so nicht im Beitrag der ARD vor.

Zufriedene Kunden

Samstag, 07. Juli 2007

…sind das A und O. Dann muss man sie auch nicht verklagen
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Biografie auf Tonga

Freitag, 06. Juli 2007

Dieser Preis ist heiß: Eine deutsche Familie, die seit 19 Jahren auf Tonga lebt, möchte ihre Erlebnisse aufschreiben lassen und sucht dafür einen Ghostwriter. Der Entgelt: Freie Kost und Logis in deren Hotel. Für den wohlsituierten Reiseschriftsteller sicher kein Problem…

Musik und Erinnerung

Freitag, 06. Juli 2007

Als ich heute einen Artikel über Syd Barrett las, ein Gründungsmitglied von Pink Floyd, hatte ich sofort “Welcome to the machine” im Kopf. Und habe es immer noch. Das Gehirn ist doch eine fantastische Einrichtung, ein biochemischer iPod. Dieser Gedanke brachte mich darauf, dass Musik ein wesentlicher Bestandteil der Erinnerung ist. Nun müssen wir zwar Autobiografien künftig nicht noch eine Musik-CD mit dem Horst-Wessel-Lied beilegen. Aber sich ein bisschen mit dem Thema musikalische Erinnerungen auseinanderzusetzen, könnte nichts schaden. Denn dies fristet bisher ein Schattendasein in der Erinnerungsarbeit. Wenn aber beispielsweise die 68er-Generation sich an die Vergangenheit erinnert, sieht das schon wieder ganz anders aus: Warst du Beatles- oder Rolling-Stones-Fan? Wann hörtest du zum ersten Mal “Norwegian Wood”. So, und damit hab ich mir den nächsten Ohrwurm in mein akutisches Gehirn gesetzt. Goodbye machine…

Verwandtschaftsweb

Donnerstag, 05. Juli 2007

Manche Leute verwechseln ja Biografen mit Genealogen. Immer wieder werde ich gefragt, ob ich nicht bei der Recherche nach Vorfahren oder bei der Erstellung eines Stammbaumes mitmachen möchte. Ich lehne solche Aufträge bisher immer recht kommentarlos ab. In Zukunft werde ich vielleicht auf eine neue Website verweisen, auf der man ganz einfach seinen Stammbaum erstellen kann und ihn dann online gemeinsam mit Verwandten ausbauen kann. Nicht nur praktisch sondern auch noch ganz witzig aufgemacht.

Workshop der Akademie des Biographiezentrums: Mit dem Schreiben von Biographien professionell Geld verdienen

Donnerstag, 05. Juli 2007
Der Markt für Biographen boomt - dieser Autorenworkshop vermittelt den Teilnehmenden, wie sie im Auftrag ihrer Kunden Lebensgeschichten bearbeiten oder erstellen.Der Infoflyer zum Workshop wurde auf www.biographiezentrum.de unter dem Link “Akademie des Biographiezentrums” hinterlegt.
Programm:
1. Stilistische und inhaltliche Fragen der Biographiearbeit: Stil und Ausdruck, Struktur und Aufbau, Klärung inhaltlicher und rechtlicher Fragen, Interviewführung
2. Vom ersten Kunden zur Vollexistenz als Biograph: Marketing-Instrumente, Referenzen schaffen, Kundengewinnung, Preisfindungsstrategien, erfolgreiche Verkaufsgespräche
3. Gestaltung und Öffentlichkeitsarbeit: Layout und Satzreife, Vermarktung in eigener Regie, Finanzierung und Sponsoring, Presse- und Informationsarbeit
4. Emotionalarbeit: Lebenswege klären, Wendepunkte herausarbeiten, Umgang mit schmerzhaften Erinnerungen, Chancen und Grenzen des biographischen Arbeitens
Termin: 9.-11. November 2007, Kassel, Hotel Kurfürst Wilhelm I. Teilnahmegebühren: EUR 490,- für Mitglieder des Biographiezentrums, EUR 580,- für Nichtmitglieder (inkl. Übernachtungen im EZ, Vollverpflegung, Tagungssnacks und -getränke sowie Buchpaket und Unterlagenmappe).Infos und Anmeldung:
Dr. Andreas Mäckler
Biographiezentrum
Welden 18
86925 Fuchstal
Tel. 082 43 / 99 38 46
www.biographiezentrum.de
E-Mail: info@biographiezentrum.de

Lenz, Walser, Hildebrandt und die Kirche im Dorf

Mittwoch, 04. Juli 2007

Zu einem gelassenen Blickwinkel rät der Verleger Alfred Neven Dumondt in der Frankfurter Rundschau. Dass Siegfried Lenz, Martin Walser und Dieter Hildebrandt wohl Mitglieder der NSDAP waren, nennt die Taz denn auch einen “Skandal der Skandalisierungsbereitschaft”.