Archiv für April, 2007

Familienaufstellung

Mittwoch, 11. April 2007

So eine Autobiografie hat ja durchaus etwas Therapeutisches an sich. Für den Erzähler. Aber nicht nur er alleine hat den Nutzen. Eine Autobiografie, die eine betagte Dame für sich, ihre Kinder und Enkel schrieb, hatte auch noch einer ganz anderen Fragestellung zu dienen. Der Sohn nahm die Autobiografie mit zu einer Familienaufstellung und nutzte die neuen Erkenntnisse, die er darin gefunden hatte. Lange vor seiner Geburt und vor der Heirat seiner Eltern hatte die Mutter einen Verlobten, der in den letzten Kriegstagen starb. Er war sicherlich ihre große Liebe und tauchte nun, nach über 60 Jahren, erst in der Erzählung und nun auch bei einer Aufstellung auf. Ist das nun gruselig oder schön? Ich glaube, er würde sich freuen. Bei der Familienaufstellung übrigens verließ die Mutter ihre Familie und gesellte sich glücklich zu ihrer alten Liebe.


Könige und Kannibalen

Mittwoch, 04. April 2007

“Die schwierige Königsdisziplin” titelt Volker Ullrich in der neuen ZEIT und meint die Kunst eine (historische) Biografie zu schreiben. Nun sehe ich mich nicht bemüßigt, noch eine Bismarck- oder Hitlerbiografie zu schreiben - aber ich bin der Ansicht, dass auch ein ganz gewöhnliches Menschenleben schon viel über Zeitgeist/Strukturen/Gesellschaft aussagt. Die Biografie sei, so die ZEIT, “zur tragenden Säule des Buchmarkts geworden… als ob das Publikum von einem maßlosen Hunger nach geschriebenem Leben befallen sei, einer Art literarischem Kannibalismus.” Auch umgekehrt gilt: Die Bücher, die ich für meine Erzähler schreibe, sorgen dafür, dass ich was zum Beißen habe…

Eva Hesse und der Rucksack

Dienstag, 03. April 2007

Michael Jürgs war einst Chefredakteur beim ehemaligen Nachrichtenmagazin Stern.  Nachdem er 1990 gehen musste, hat er sich erfolgreich aufs Biografienschreiben verlegt: Romy Schneider, Axel Springer, Günter Grass, Richard Tauber und Alois Alzheimer. Nun hat er in wenigen Monaten ein Buch über die jüdische Künstlerin Eva Hesse geschrieben. Ich hatte den Namen noch nie gehört, kam aber am Sonntag in TTT. Noch viel interessanter als das kurze Leben dieser Dame ist aber das Portrait des Michael Jürgs in der Welt. Er schreibt nicht “sine ira et studio”, sondern ihm, Jahrgang 1945, geht es “um die Schuld der Väter”. Mir persönlich kann dies, rein biologisch gesehen, kein Motiv zum Schreiben sein. Aber warum nicht? Je näher das Lebensalter an die Zeit des Dritten Reiches heranreicht, desto eher gibt es wohl Anlass sich in den Kategorien von Schuld und Sühne zu bewegen.
Der Artikel jedenfalls ist lesenswert, zeigt er doch, wie sich der Biograf im Prozess des Biografierens verhält.
Zum Thema “Schuld” fiel mir gerade eine Begebenheit aus jungen Jahren ein. 1981 machte ich meinen ersten Interrailurlaub. In Griechenland stieg ich in einen vollbesetzten Bus und wand mich mit dem Riesenrucksack durch den Gang. Als sich plötzlich ein Pärchen (Schweizer?) lautstark beschwerten, ich würde drängeln. Und zwar: “Typisch Deutsch, typisch Nazi.” Mann, das war ein Rucksack und kein Panzer!