Archiv für Februar, 2007

Wie zuverlässig sind Erinnerungen?

Dienstag, 27. Februar 2007

Am 13. und 14. Februar 1945 fand der “Feuersturm”, die verheerenden Bombenangriffe auf Dresden statt. Zahlreiche Augenzeugen berichten, dass nach den Bombern sogleich Tiefflieger angegriffen hätten, die die Überlebenden auf den Elbwiesen “wie Hasen gejagt hätten”. Nur, kann es sein? Wie können Tiefflieger angreifen, wenn aus der Stadt bis zu kilometerhohe Feuersäulen aufsteigen? Fazit: sie konnten nicht und sie taten es auch nicht. Natürlich waren immer wieder Tiefflieger unterwegs, die wahllos auf alles schossen, was sich bewegte. Aber eben nicht am 13. und 14. Februar in Dresden. Historiker wollen dies nun im Sommer endgültig und zweifelsfrei klären. Die Freiflächen der Dresdner Innenstadt sollen nach Spuren von Geschossmunition durchsucht werden. Tatsächlich handelt es sich bei den Erinnerungen der Zeitzeugen um das Phänomen, dass erschütternde Erlebnisse im Gedächtnis akkumulieren und zu einer einzigen Erinnerung verschmelzen. Davor ist kein Mensch gefeit und es bedeutet ja auch nicht, dass er lügt. Das Gedächtnis ist subjektiv, die Wahrheit, die es birgt, auch. Wie sehr man als Biograf auf vermeintliche Objektivität dringen soll, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Während der eine Erzähler auf seiner Version der Dinge beharrt, kann ein anderer froh sein, wenn ihm neue Zusammenhänge aufgezeigt werden.


Biografische Puppenstube

Montag, 26. Februar 2007

img_0872_2.jpg

Walter Tiedemann war ein Ostpreuße, den es nach dem Krieg nach Kirchentellinsfurt bei Tübingen verschlug. Als Maurer verdiente er sich in der Nachkriegszeit seine Brötchen und kam dabei in so manches Haus, in dem man des “alten Plunders” überdrüssig war. Er sammelte, was andere wegschmissen. Damit ist heute das Schlossmuseum vollgestopft. Genial, ein Sammelsurium an Epochen, Lebensabschnitten, Gegenständen und Handwerkszeug - kurz und gut: die biografische Wundertüte, vom Wäschestampfer über den Konfirmationsbrief an die “Dote” (Patentante) hin zu einer kompletten Schusterwerkstatt. Wir hatten Glück und bekamen eine individuelle Führung mitsamt ausführlichen Erläuterungen “zur alten Zeit”. Wer in der Nähe ist, dem sei das Museum wärmstens empfohlen.
Es gibt einen Raum, der sich mit der NS-Zeit auseinandersetzt. Darin ausgestellt auch einige Uniformen, so auch eine von SA und SS. Unser Führer (Museum, nicht Braunau) sagte sogleich, dass sich manche Besucher an der Zurschaustellung dieser Uniformen stößen, aber es sei nunmal ein Teil der Geschichte, den man nicht einfach ignorieren könne. Damit hat er recht. Und die kritischen Besucher machen es sich sehr leicht mit ihrer Variante der Vergangenheitsbewältigung. Man kann doch nicht so tun, als hätte es diese Epoche nie gegeben. Weder laufe ich deswegen in einer schwarzen Uniform herum, noch halte ich alle Deutschen für Mörder oder wahlweise nur für “Opfer”. Dies war auch Thema der sonntäglichen TTT, in der es eine Vorschau auf den ARD-Zweiteiler “Die Flucht” gab. Zwei oder dreimal tauchte in der Moderation die Frage auf: “Darf man das zeigen?” Immerhin entschloss sich die Redaktion von TTT dann doch dazu, dem Film ihr Plazet zu geben. Auch wenn Professor Hans-Ulrich Wehler sanft mahnend auf die Verbrechen der Nazizeit hinwies, die man doch nicht vergessen dürfe, wenn man sich bei der “Flucht” der Perspektive der “Opfer” bemächtige. Selbiger Wehler übrigens hat, wie schon mal erwähnt, neulich die Forderung aufgestellt, die Beschäftigung mit den Erinnerungen aus der NS-Zeit gehöre ausschließlich in die Hände der Historiker. Jeder, der sich also 60 Jahre nach dem Krieg mit seinen eigenen Erinnerungen auseinandersetzt, macht dies unautorisiert. Au weia.

“Das Boot” ist tot

Freitag, 23. Februar 2007

Lothar Günther Buchheim ist tot. Der 1918 geborene Schriftsteller, Maler und Kunstsammler hat mit seinem autobiographischen Roman “Das Boot” viel für die Erinnerungskultur getan. Als Kriegsberichterstatter fuhr er auf der U96 mit - und brauchte ein Vierteljahrhundert, bis er über den Schrecken schreiben konnte. Ich habe vor etlichen Jahren bei einem Fest zufällig einen älteren Herren aus Filderstadt kennengelernt, der einen auffälligen Ring trug. Wir kamen ins Gespräch, und tatsächlich war dieser Urschwabe seinerzeit bei den U-Booten. Der Ring war ihr “Abzeichen”. Er hat mir gerne ein paar Dinge aus seiner “Überlebenszeit” erzählt. Im Kontrast dazu habe ich vor etwa fünf Jahren Urlaub in der Bretagne gemacht. Eine französische Gastgeberin schwärmte uns so von dem malerischen Örtchen Lorient vor, dass wir beschlossen es uns anzuschauen. Aber von all den Sehenswürdigkeiten dort hatte sie uns eines verschwiegen: Lorient war ein deutscher U-Boothafen gewesen, davon zeugten in der weiten Bucht unzählige Überreste. Die Stadt selber wurde bei alliierten Bombenangriffen, die eigentlich dem U-Boothafen galten, zerstört.
Hmm, man müsste sich gelegentlich mal schlau machen, was die französischen Kollegen so treiben. Wie sehen dort die Zeitzeugen ihre Vergangenheit? Es waren ja nicht alle in der Résistance. Wo verorten sie sich nachträglich?

Das Biographiezentrum und sein Verlag

Donnerstag, 22. Februar 2007

Im Biographiezentrum tut sich grad viel, Andreas Mäckler versucht, den Mitgliedern einige praktische Nützlichkeiten für ihre Arbeit anzubieten - und sie zur Mitarbeit (unter seiner Führung) anzuregen. Was kein Zuckerschlecken ist, denn das Engagement ist nur sporadisch vorhanden. Andreas´ Initiative verdient also Anerkennung und Respekt.
Andererseits hat das Biographiezentrum einen Pferdefuß, und zwar von Geburt an. Seine Struktur, über die ich mich hier lieber nicht öffentlich en detail auslasse, ist ganz auf einen (oder zwei) Macher zugeschnitten. Damit kann man leben, aber immer wieder stellt sich heraus, dass die Transparenz der Entscheidungen etwas auf der Strecke bleibt. Jüngstes Kind dieser Prozesse ist die Gründung des “Verlages des Biographiezentrums”. Vielleicht hat mich eine diesbezügliche Information nicht erreicht, vielleicht merken meine Mit-Mitglieder auch nicht so richtig, was das mit sich bringt. Auf den ersten Blick denkt man “Au prima, da kann ich meine Biographien dann ja mit einem richtigen Verlag im Hintergrund anbieten und muss mich nicht mehr um Druck&Co kümmern.” Nur sehe ich ein Dilemmma. Es liegt schon in der Präambel des Verlags:

“Wir verpflichten uns zur Kostentransparenz unseren Kunden gegenüber und bieten unsere Produktionsleistungen zu marktüblichen Preisen im PoD- und Ghostwriting-Sektor an, die zumeist auf einem Stundensatz von EUR 40,- bis EUR 60,- liegen. Dr. Mäckler, der Leiter des Biographiezentrums, berechnet für Beratung und Gutachten biographischer Projekte, die nicht mit dem Biographiezentrum in Zusammenhang stehen, EUR 100,- pro Arbeitsstunde. Erstgespräche sind selbstverständlich immer kostenfrei, ebenso die ausführliche, persönliche Beratung des Kunden im Zusammenhang mit einer Produktion im Biographiezentrum.”
Das heißt, Andreas Mäckler sammelt die Aufträge ein und verteilt sie dann. Aber wie? Vermutlich zunächst einmal je nach regionaler Nähe. Hat ihn ein Kunde angerufen und Andreas sagt ihm, welches Mitglied in seiner Nähe sitzt (was der Kunde auch selbst ganz einfach über die Homepage des Biographiezentrums heruasfinden könnte). Kommt dabei ein Auftrag zustande, so bittet das Biographiezentrum um eine Provision des Biographen. Wer damit nicht einverstanden ist, wird halt künftig nicht mehr als Biograph empfohlen. Okay, klingt zunächst eigentlich fair, aber ein paar Hundert Euro für einen Telefonanruf kassieren, bei dem man dem Kunden auf der Homepage zeigt, wo er klicken muss? Na gut, bleibt einem ja immer noch was übrig. Aber mich irritiert das schon, zumal ich die Kosten für die Buchherstellung schon in meinen Preisen drin habe. Nun tritt hier, vorgeblich in meinem Namen, ein Verlag auf, der eigene Preise anbietet. Was der Verlag mir nun Vorteile bieten soll, weiß ich nicht, dass er aber dazu dient, mehr Kunden ans Biographienzentrum zu binden, ist eindeutig. Nur: cui bono?

Wenn ich Autobiografiker wäre…

Mittwoch, 21. Februar 2007

…würde ich mich ärgern. Denn ich hätte sehr viel Geld für meine Schulung gezahlt, die nun jeder für schlappe 500 Euro hier bekommt. Aber sehen wir´s doch positiv. Die Kursabsolventen sind ja nur Ghostwriter - und keine “Autobiografiker”. Diesen Begriff ließ sich Frau Rohnstock schützen, wie die Welt übrigens in einem interessanten Artikel über “Autobiografien als Trend” anmerkt. Tja, das Franchise scheint nicht so zu laufen, aber Kleinvieh macht ja bekanntlich auch Mist. Und die bisher über die Republik verstreuten Autobiografiker werden ja wohl nach wie vor ihre monatlichen Franchisegebühren nach Berlin überweisen.

Fragen zur Autobiografie

Mittwoch, 21. Februar 2007

Für alle, die per Google unterwegs sind und nach vernünftigen Fragen suchen: Gerhild Tieger: Anleitung zur Autobiografie in 300 Fragen, erschienen im Autorenhaus Verlag. Da bleibt nichts ungefragt. Bis auf Nummer 301: Wo waren Sie, als Sie das erste Mal im Biografieblog lasen? Öhm, vor dem Computer?

Hotel-Biografie, Teil 2

Dienstag, 20. Februar 2007

Ich musste feststellen, dass die Hotelchefin im Ruhestand mit einem äußerst lückenhaften Gedächtnis gesegnet ist. Immerhin konnten wir einige biografische Eckpfeiler ausmachen. Bessere und detailliertere Erinnerungen kamen von ihrer Tante, d.h. der Frau des Bruders des Schwiegervaters. Sie kam zwar erst 1946 als Flüchtling in den Süden, aber sie half dabei, die Gaststätte physisch wieder aufzubauen. Auch sonst konnte sie einige Familiengeschichten wiedergeben. Dann sprach ich noch mit der Schulfreundin der Hotelchefin, die ebenfalls noch etliche Details beisteuerte. Und sogar ein Tischnachbar in der Wirtsstube, in der wir saßen, Stammgast seit 50 Jahren, erinnerte sich noch an die alten Zeiten. Wenn man fünf Generationen erforschen will, kommt man auch nicht ums Stadtarchiv herum. Die Leute dort sind eigentlich immer hilfsbereit. Wie der Zufall es wollte, war gerade eine Dame der Frauengeschichtswerkstatt anwesend. Sie forschen gerade über Wirtinnen. Perfekt.
Richtig Akten gewälzt habe ich noch nicht, erstmal einen Überblick verschaffen, auch über die Stadt an sich, war mein Ziel. Man muss ja auch das “Flair” erfassen, um sich in andere Menschen, die dort lebten, hineinversetzen zu können. Los ging es im Jahre 1869 mit dem Kauf einer Brauerei - das ist der Startpunkt der Erzählung. Wie lebte es sich in einer kleinen, alten und stolzen Stadt? Und wie lebt es sich heute?
Nächstes Mal möchte ich noch mit den Brüdern der Hotelchefin sprechen, auch eine altgediente ehemalige Bedienung dürfte einiges Interessante wissen. Schließlich steht auch noch die jetzige, amtierende Generation an. Der Sohn, der das Hotel inzwischen leitet, ist dort ja aufgewachsen. Er kennt natürlich auch viele Geschichten von Familie und Hotel. Einen Packen Material habe ich auch schon: alte Photos, Dokumente, eine Jubiläusmchronik aus dem Jahre 1969 und eine Speisekarte aus den 50er-Jahren. Herrlich. Schwäbischer Wurstsalat für 1, 80 DM. Das waren noch Zeiten…

Nachkriegs-Spirit

Montag, 19. Februar 2007

Harald Martenstein, der immer diese wunderliche Kolumne “Lebenszeichen” in der ZEIT schreibt, hat einen Roman verfasst. In “Heimweg” findet sich eine Annäherung an die frühe Bundesrepublik auf ganz eigenwillige Art. Ich hab´s noch nicht gelesen, doch bemerkenswert in der Rezension auf Welt.de fand ich folgende Sätze:
“Die frühe Bundesrepublik war auch ein Land, in dem die Männer Erfahrung mit dem Töten und die Frauen Erfahrung mit dem Alleinsein hatten. Was bedeutete das für die Liebe, wenn nach dem Krieg noch junge Menschen das alles schon hinter, das Leben aber noch vor sich hatten?” Die Quintessenz jener Generation? Für Biografen unabdingbar zum Verständnis der Erzähler.

Biografie als Aufklärung

Freitag, 16. Februar 2007

Die Türkei hat ja ein Wahrnehmungsproblem hinsichtlich der Ermordung der Armenier im Ersten Weltkrieg. Heute stand in der Stuttgarter Zeitung, dass dort immer mehr (Auto-)Biografien geschrieben werden, in denen Nachkommen und die letzten Überlebenden über die damaligen Massaker und Grausamkeiten berichten. Einzelschicksale haben sehr wohl eine Resonanz, auch wenn es eine ganze Weile noch dauern dürfte, bis man sich in der Türkei von den Greueltaten des Osmanischen Reichs distanzieren wird. Ich habe diese Beleidigte-Leberwurst-Attitude noch nie so richtig verstanden. Als wenn man persönlich angegriffen wird, wenn Geschehnisse, die Jahrzehnte zurück liegen und für die man nicht persönlich verantwortlich ist, zur Sprache gebracht werden. Ich muss aber gestehen, dass die Rezension eines Buches mir eine gewisse Befriedigung gebracht hat. Denn der Autor Antony Grayling, Philosoph und Publizist, setzt sich kritisch (und nicht so hysterisch wie “Der Brand” von Jörg Friedrich) mit dem alliierten Bombenkrieg auseinander. Der wiederum bisher ein Tabuthema in UK und USA war. “Wir sind die Guten” hing mir schon immer und überall zum Hals raus.

“Made in Germany”

Montag, 12. Februar 2007

Da wirbt doch tatsächlich eine Konkurrenz mit dem Gütesiegel “Made in Germany”. Find ich toll, keine chinesischen Interviewer, der Lektor nicht in Indien, keine rumänische Recherche. Dennoch seltsam, dass das Buch zu einem Dumpingpreis angeboten wird.
So selbstverständlich es einem tatsächlich aber erscheinen mag, dass eine Biografie hierzulande geschrieben und produziert wird: Ein Kollege (Ghostwriter und Redenschreiber) sitzt in Toronto und bietet seine Dienstleistung als Biograf in Deutschland an: “Ich reise viel und bin oft in Deutschland”. Das unterscheidet ihn von einem weiteren Landsmann in Kanada - Horst Schreiber. Vielleicht sollten die beiden sich mal zusammensetzen und eine Biografie schreiben. Die würden sicher eine Menge Leute hier gerne lesen. Bis auf einige Partei- und Politkollegen.