Archiv für Januar, 2007

Ey, haste mal nen Euro!

Mittwoch, 17. Januar 2007

Damit meine ich nicht neue Kollegen am Markt, die mit Dumpingpreisen Biografien anbieten - sondern: Punk. Das sind natürlich heuzutage friedliche Schnorrer mit großen Hunden und ebensolchem Bierdurst. Aber vor 30 Jahren bildete der Punk eine kleine Revolution, musikalisch wie gesellschaftlich. Und wie alle solche Strömungen und Ereignisse besitzt damit Punk eine gewisse Relevanz für biografisches Erinnern. Ich persönlich hatte damals, 1977, einen ausgezeichneten Nachhilfelehrer in Latein, der mich von einer “5″ wegbrachte (hab dann sogar Latein als Leistungskurs genommen…). “Hatschi” hieß er, war Medizinstudent und ein großer Musikliebhaber. Zu den Stunden brachte er immer die allerneuesten Scheiben mit, die ich mir aufnehmen konnte. Eines Tages brachte er eine Band namens “Sex Pistols”. Mann, das ging ab, völlig neuer Sound. Kurz darauf war ich dann in England und bekam noch mehr von diesem Punkfeeling mit. Hat mich aber nie gereizt, Schnorren, Saufen, der Gammellook und die erklärte Perspektivlosigkeit waren nicht meins. Und die Konzerte waren mir letztlich zu gewalttätig.
Karl Nagel, immer noch einer der Aktiven der Punkszene, hat nun begonnen, auf seiner Homepage Bilder aus der Zeit zu sammeln, “als die Welt noch in Ordnung war“.
Merke: Auch Punk hat eine Biografie.

Deutscher Biografiepreis 2007

Dienstag, 16. Januar 2007

Das Biographiezentrum - die Vereinigung deutschsprachiger Biographinnen und Biographen - schreibt den ersten Deutschen Biographiepreis 2007 aus. Ausgezeichnet wird die nach Meinung der Jury beste Biographie in den Kategorien

• Buch (Verlags-/Privatpublikation)
• Film (öffentlich/privat)
• Hörbuch (öffentlich/privat)
• Multimedia (privat)

Zugelassen sind alle deutschsprachigen Originalausgaben des Jahres 2007 (Impressum). Einzureichen sind jeweils zwei Exemplare. Der Preis ist undotiert. Die Werke werden nach Eingang auf der Homepage des Biographiezentrums (www.biographiezentrum.de) unter dem Link “Deutscher Biographiepreis” mit einem kurzen Infotext gelistet und teilweise mit Cover illustriert.

Die 50 schönsten Werke präsentiert das Biographiezentrum auf der Frankfurter Buchmesse 2007. Die Preisverleihung findet während einer Prominentenlesung im Frühjahr 2008 mit Übergabe der Urkunden statt.

Adresse:

Biographiezentrum
Deutscher Biographiepreis
Welden 18
86925 Fuchstal
Tel. 082 43 / 99 38 46
info@biographiezentrum.de

Ansprechpartner für die Medien:

Dr. Andreas Mäckler

Schutzbedürftig

Montag, 15. Januar 2007

Eltern kümmern sich um ihre Kinder. Sind die Kinder groß und die Eltern alt geworden, ändern sich die Verhältnisse. Als Kind muss man sich allmählich um seine Eltern kümmern. Kürzlich rief mich ein Herr an, der mit dem Gedanken spielt, seine Biografie schreiben zu lassen und wir machten auch gleich ein Gespräch aus. Am nächsten Tag meldete sich seine Tochter und sagte den Termin ab. Auch aus gesundheitlichen und Termingründen. Das ist schon in Ordnung, das Frühjahr kommt bestimmt. Dann fühlte sie mir auf den Zahn, wie eine Biografie funktioniert und was es kostet. Vollkommen legitime Fragen, die belegen, dass bei unserem “jungen” Beruf noch viel Beratungsbedarf besteht und Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden muss.
Mich haben bloß zwei Aspekte irritiert. Erstens, dass die Tochter annahm, ich würde zwei Stunden bei ihrem Vater sitzen, ohne ihm die tatsächlichen Kosten seiner Autobiografie zu nennen. Eine Autobiografie ist nunmal nicht für lau zu haben, nicht jeder kann sie sich leisten (leider). Ich würde meine Zeit verschwenden und den Interessenten in Illusionen wiegen, wenn ich ihm nicht nur sowohl Wert als auch Preis eines Buches erläutern würde.
Der zweite Punkt war, dass die Tochter wohl schon ein Interview mit einer Zeitung angeleiert hat. Man sieht sich ja gerne in der Zeitung (bin mal gespannt auf Mittwoch, wenn mein Schädel dort erscheint). Aber ist das ein Ersatz? Habe versucht, mir vorzustellen, wie die Tochter in 20, 30 Jahren dasitzt und sich an ihren Vater erinnern will. Wird sie sich dann freuen, einen vergilbten Zeitungsausriss aus der Schublade zu nehmen?

Auf der anderen Seite

Freitag, 12. Januar 2007

Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn plötzlich ein fremder Mensch vor einem sitzt und Fragen stellt? Seit über zehn Jahren bin ich immer der Fragensteller gewesen und war dabei stets der Ansicht: Tut ja nicht weh, gefragt zu werden. Tut es auch nicht. Aber heute wurde ich für einen Zeitungsartikel interviewt. Ich muss sagen, es ist ganz schön ungewohnt, wenn man selber keine Fragen stellt, sondern sie beantworten “muss”. Plötzlich kann ich mir vorstellen, dass man als Befragter durchaus mit der unbewussten Furcht lebt, man könnte eine Frage “falsch” beantworten. Ist natürlich völliger Blödsinn, weiß man auch. Aber dennoch muss man sich als Biograf immer wieder klar machen, dass der Erzähler zwar einerseits eine bestimmte Erwartungshaltung an an einen selbst hat, andererseits aber nicht genau weiß, was für Fragen auf ihn zukommen. Dies kann ihn hemmen. Und das wollen wir ja nicht.

Ha, Ha, Hi, Hi-tler

Donnerstag, 11. Januar 2007

Vom Katzenklo auf den Obersalzberg - Helge Schneider hat mit seiner neuen Rolle viel Staub in der öffentlichen Diskussion aufgewirbelt. Und dieser Staub ist ziemlich trocken. Nur die Historiker seien berufen, sich mit Hitler zu beschäftigen, die Mehrheit der Deutschen mag den Film nicht (mich hat aber niemand gefragt), man dürfe doch bitte die Opfer nicht vergessen, und keinesfalls zu vernachlässigen: Lea Rosh´s grimmig sich aufplusternde Kampffrisur. Was soll das Ganze, hat Adolf H. einen Bocksfuß gehabt, roch er nach Schwefel und ritt auf dem Besen zum Reichsparteitag? Es ist und bleibt jedenfalls ein Phänomen, dass Hitler damals zu viele Deutsche an sich glauben machte. Heute sagte mir ein 83jähriger Herr, er habe sich neulich den Film “der Untergang” angeschaut und meinte nur: “Junge, Junge, wo waren wir damals eigentlich?”

“Geweint wird, wenn der Kopf ab ist”…

Dienstag, 09. Januar 2007

… so lautete das Erziehungsmotto von Kurt Meyer, besser bekannt als “Panzermeyer”. Er war der jüngste Generalmajor der Waffen-SS, nach dem Krieg von den Kanadiern zum Tode verurteilt, nach zehn Jahren begnadigt. Sein Sohn, ebenfalls Kurt Meyer, hat ein Buch über seinen Vater geschrieben. Vater war sehr streng, distanzierte sich nie vom Nationalsozialismus - und war dennoch eine Person, der man persönliche Integrität und Warmherzigkeit nicht absprechen konnte. Wie passt das zusammen? Eigentlich gar nicht, aber so sind die Menschen nun einmal. Kurt Meyer Junior, Jahrgang 1945 hat sich mit dem Leben und Denken seines Vaters auseinandergesetzt und schrieb dabei das meiner Meinung nach erhellendste Buch über die Frage der “Schuld der Deutschen” und den Vater-Sohn-Konflikt seiner Generation. Diesem Buch war er lange ausgewichen. Erst Anfang der 80er-Jahre trifft er in Kanada auf den Sohn des Richters, der Panzermeyer seinerzeit zum Tode verurteilt hat. Dieser Sohn hatte begonnen, ein Buch über seinen Vater zu schreiben, der sein ganzes Leben lang darunter litt, dass er ein offenkundig ungerechtfertigt ausgesprochenes Todesurteil gefällt hatte (der kanadische Premier wollte eben auch einen “eigenen” Kriegsverbrecher verurteilt wissen und übte Druck aus). Nach diesem Treffen und einem Interview für das kanadische Fernsehen beginnt Meyer, sich mit seinem Vater auseinanderzusetzen. Das Buch ist ein Dialog mit dem (schon längst verstorbenen) Vater, eine differenzierte - aber nicht apologetische - Auseinandersetzung mit der Kriegsgeneration und nicht zuletzt offenbart es viel Wissen über das Dritte Reich. Dieses Buch ist für Biografen ein Muss. Mein dringender Tipp: Lesen.

The King

Montag, 08. Januar 2007

Es ist kurios. Heute brachte mich eine Kundenanfrage dazu, an Elvis Presley zu denken. Und zwar an seinen Todestag, den 16. August 1977. Ich kam mittags von der Schule heim und war richtig geschockt. Seltsam eigentlich, bis dato war ich nie Fan des “Kings” gewesen. Aber mit seinem Ableben begann ich mich mit seiner Musik zu beschäftigen. Warum hatte mich sein Ableben so beschäftigt? Vielleicht, weil ich 15 war und plötzlich eine feste Größe fehlte? Es war wohl einfach selbstverständlich, dass es ihn gab. Und nun nicht mehr. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen so ging - das wäre dann doch auch eine Frage für den Erzähler: Erinnern Sie sich noch an den Tag, als Elvis starb?
Nebenbei, heute, am 8. Januar, wäre er 72 Jahre alt geworden.

Andreas Baader - Biografie eines Muttersöhnchens?

Donnerstag, 04. Januar 2007

In der Netzeitung findet sich heute ein erhellender Artikel, der sich mit der Biografie des Andreas Baader befasst. Es ist, nach zahlreichen Büchern über die RAF die erste Biografie über den eigentlichen “Erfinder” der Roten Armee Fraktion. Baader wuchs vaterlos auf, von seiner Mutter behütet. Die Tatsache, dass er überdies ein gescheiterter Künstler gewesen sei, verbindet ihn ja mit Hitler. Vaterlose “Muttersöhne” waren und sind aber auch Saddam Hussein, Stalin, Bill Clinton, Osama Bin Laden und Gerhard Schröder. Es gebe aber zweierlei Sorten von Muttersöhnen, bürgerliche und proletarische. Je nach Milieu gestaltet sich die Durchsetzungskraft. Stalin, Hussein, Clinton und Schröder entstammen “armen” Milieus, das machte sie zwar nicht unbedingt automatisch auch gleich mit zu Massenmördern, aber wer “von unten” kommt, hat viel mit Machterhalt und -ausbau zu tun. Ganz anders die bürgerlichen Muttersöhne wie Hitler, Baader oder Bin Laden. Sie laufen Gefahr, “tiefer zu fallen”. Das überfordert, gleichzeitig wird man von Mutter betüdelt. “Mit ordentlicher Arbeit ist bald nichts mehr zu machen, es locken Betrug und Gewalt. Die bürgerlichen Muttersöhne hinterlassen eine Spur der Verwüstung“, so die Netzeitung. Das war jetzt sehr psychologisierend. Aus eigener Erfahrung habe ich übrigens festgestellt, dass Männer, die in den 20er-Jahren aufgewachsen sind, sehr an ihrer Mutter hängen. Der Vater wurde immer als “schwach” geschildert. Ich kann mir das nur durch die Wirtschaftskrisen der damaligen Epoche erklären. Massenarbeitslosigkeit hat vielleicht die “Familienoberhäupter” gedemütigt und ihnen die klassische Ernährerrolle nicht ermöglicht.

Frauen 1946

Mittwoch, 03. Januar 2007

Nachkriegsdeutschland. Die Männer tot oder gefangen, die Frauen enttrümmern das Land und schlagen sich durchs Leben. Wie ging es ihnen dabei? Hab heute im Antiquariat eine Zeitschrift vom Mai 1946 gefunden: “Die Frau. Ihr Kleid/Ihre Arbeit/Ihre Freude”. Man beachte die Reihenfolge des Untertitels. Die Lektüre offenbart interessante Einblicke in das Leben vor 60 Jahren. In einer Serie unter dem Titel “Liebe, Ehe und der Krieg” dürfen Leserinnen ihre Erlebnisse schildern. “Der Vater - ein Fremdling in seiner Familie?” wird gefragt, gefolgt von “Wer kleidet die Amerikanerinnen?”, eine Fotoseite “Mode in Hollywood” und Schönheitstipps unter dem Titel “Wir wollen uns wieder pflegen”. Eine Doppelseite “Wohnen zwischen Ruinen” erzählt, wie man sich in ebendiesen einzurichten versucht: “…ein Nesselvorhang mit blau-roter Borte statt der zersplitterten Tür - und der ganze Raum strömt Wärme aus, ja Behaglichkeit.” Auch für die Kinder gibt es was. Eine Bastelanleitung zeigt, wie man seinem Kinder aus einer alten Socke eine Puppe bastelt. Und die Geschichte für die Kinder selbst heißt: “Gibt es einen Trümmer-Troll?”

Die Kommune wird 40

Dienstag, 02. Januar 2007

Auch die “68er” sind in die Jahre gekommen. Das dürfte dann nächstes Jahr wieder einige Zeitungsseiten füllen. Bis es aber soweit ist, muss man sich mit der Süddeutschen begnügen, die in ihrer heutigen Ausgabe des 40. Geburtstages der “Kommune I” gedenkt. Kurz gefasst, Uwe Johnson ging bereits 1966 nach New York. Sein Atelier in Berlin vermietete er an Ulrich Enzensberger. Ein Jahr später las Johnson in der New York Times, dass “maoistische Terrorstudenten” in seiner Wohnung Bomben gebastelt hatten, mit denen sie den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey in die Luft sprengen wollten. Johnson rief sofort Günter Grass an, der in Berlin direkt gegenüber wohnte, und bat ihn, die Studis aus seiner Wohnung rauszuschmeißen. Was Grass auch tat. Aber nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, die von der Berliner Boulevardpresse beschriebenen Bomben waren - Pudding. Man wollte die Autokolonne des US-Vizes mit Pudding u.ä. bewerfen. Humphrey hatte übrigens damals die Bombenteppiche auf Nordvietnam als “militärisches Präzisionswunder” gelobt (manches ändert sich wohl nie). Ja, so waren die Anfänge. Die Kommune I wurde danach richtig berühmt. Wer kennt nicht das Bild, in dem alle von hinten nackig abgelichtet wurden - eine Teilnehmerin meinte später, es hätte sehr schnell gehen müssen, denn Nacktheit war allen peinlich. Ob Bombenterror oder sexuelle Revolution, nichts war wirklich echt. Oder doch? Die Gesellschaft hat sich (so oder so) seither gewandelt. Was diejenigen, die damals “dabei” waren, zu sagen haben, wird sicherlich sehr spannend. Und manchmal bestimmt auch amüsant. Im Nachhinein.