Archiv für Dezember, 2006

Perspektivenwechsel

Freitag, 29. Dezember 2006

Meistens schreiben wir Biografen die Lebensgeschichten unserer Auftraggeber aus deren Perspektive. Es dominiert also die Ich-Form. Wie erfrischend ein Perspektivenwechsel sein kann, zeigt Irene Dische in ihrem autobiografischen Roman “Großmama packt aus“. Die Familiengeschichte wird erzählt von der längst verstorbenen Großmutter, aus ihrer allwissenden Position im Jenseits. Natürlich, es ist ein Roman und wieviel Autobiografisches er trotz Namensgleichheit der Personen tatsächlich enthält, bleibt unaufgeklärt. Trotzdem kann uns dieses Buch Mut machen, manchmal auch die vertrauten Stilpfade zu verlassen. Und im übrigen: Irene Dische ist ein großartige Erzählerin - meine nicht nur ich, sondern auch Michael Naumann in der Zeit. Also: Wer noch nicht weiß, womit er sich am kommenden langen Wochenende die Zeit vertreiben soll, auf in die nächste Buchhandlung.

Biografie unterm Weihnachtsbaum

Sonntag, 24. Dezember 2006

Am Freitag brachte der Postbote noch eine langersehnte Buchlieferung. Da die Autobiografie als Weihnachtsgeschenk gedacht war, bin ich gestern noch mit öffentlichem Verkehrsmittel, sprich Bahn, in´s Allgäu gefahren. Meine Dame hat sich sehr gefreut, heut kann sie ihren Kindern und Enkeln ein schönes Geschenk machen. Dass ich deswegen 11 Stunden unterwegs war, und auch noch zuviel für die Bahnfahrkarte bezahlt hab (ein Hoch auf das Tarifsystem), war zwar anstrengend - aber ich finde, es hat sich gelohnt.

Alle Jahre wieder

Freitag, 22. Dezember 2006

Ein paar Wochen vor Weihnachten kommt unweigerlich die Frage der Eltern: “Kommst Du denn dieses Jahr wieder?” Und so machen sich allljährlich Tausende Menschen auf zu einem Ort, der “Zuhause” genannt wird, obwohl sie dort schon lange nicht mehr zu Hause sind. Auch ich werde mich morgen in einen völlig überfüllten Zug setzten und acht Stunden in eine ferne kleine Stadt fahren, in der ich einst das Licht der Welt erblickte. Allen, denen es genauso geht und die für diese Odyssee noch eine Lektüre suchen, sei “Driving Home” empfohlen. 18 Autorinnen und Autoren, allesamt gestandene Großstädter, schildern, wie sie sich Jahr für Jahr wieder in Söhne und Töchter verwandeln und beschreiben die gemischten Gefühle ihrer weihnachtlichen Heimfahrt. Komisch, geistvoll, ironisch - aber immer biografisch und unterhaltsam. In diesem Sinne: frohe Weihnachten!

Die Deutsche biografische Gesellschaft

Freitag, 22. Dezember 2006

dbg_home1.jpgNun denn, hier ist sie. Die Homepage der Deutschen biografischen Gesellschaft. Die DbG trägt dem Bedürfnis vieler Kolleginnen und Kollegen nach einem schlagkräftigen Berufsverband Rechnung, der sich durch demokratische Strukturen und eine homogene Mitgliederstruktur dank strikter Aufnahmekriterien und zuverlässiger Qualitätskriterien auszeichnet.
Das heißt: hier gibt es keine Biografie auf Krankenrezept, hier muss der Erzähler auch nicht seinen Grund und Boden verpfänden, damit er seine Biografie bezahlen kann - und die Mitglieder der DbG haben sich einem Kodex der Transparenz und Kundenorientierung verpflichtet. Die Biografienbranche zeichnet sich, wie ich schon des öfteren berichtet habe, durch teilweise wirre Anbieter aus. Davon hat niemand was, weder diejenigen, die sich mit seriöser Biografiearbeit den Lebensunterhalt verdienen, noch die Kunden, die oft nicht wissen, auf wen sie sich einlassen. Dies soll ein Ende haben und so liegt nun die DbG unter dem Tannenbaum der Lebensgeschichten.

Wer schreibt Tagebuch?

Donnerstag, 21. Dezember 2006

Tagebücher sind natürlich unschätzbare Quellen der Erinnerung. Irmela Sperl beschäftigt sich in ihrer Promotion mit dem Thema “Tagebücher: Schreiben, Lesen, Erinnern“ im Fach Sozialpsychologie. Dabei geht es ihr weniger um die Inhalte als “um den Vorgang des Schreibens, die Gründe warum Menschen sich dafür entscheiden, es zu tun und die Auswirkungen, die es auf ihr Leben hat.” Sie hat dafür eine Webseite mit einem Fragebogen eingerichtet und bittet um Teilnahme. Tut auch nicht weh.


Maikäfer flieg…

Dienstag, 19. Dezember 2006

…so heißt das Buch des in Oxford lehrenden Historikers Nicholas Stargardt. “Ich befasse mich mit etwas, das durch die Geschichte meines Vaters bei mir wachgerufen wurde: mit der Suche nach historischer Einfühlung und historischem Verstehen.” Stargardts Vater gehörte der Kriegskindergeneration an. Diese hat sein Sohn nun akribisch erforscht. Ob die Kriegskinder nun gläubige Jungpimpfe, deportierte und mit dem Tod bedrohte Kinder waren, ob sie “arisch” oder nicht waren - Stargardt geht es in seinem Buch darum, wie Krieg, Massenmord und Rassenwahn aus den Augen eines Kindes aussahen. Wer damals Kind war, ist heute um die 70 Jahre alt. Zeit für eine Bilanz.

Wer liest´s?

Samstag, 16. Dezember 2006

Eine Privatbiografie ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, nur selten zielt sie auf eine große Leserschaft. Für den einen oder anderen, der vielleicht damit liebäugelt, sein bewegtes Leben der Allgemeinheit vorzustellen, mag das ein trauriger Gedanke sein. Aber ich habe einen Trost parat: Die FAZ hat eine Liste der “Worstseller” veröffentlicht. Auf Platz 1 steht Muriel Sparks Roman “Vorsätzlich Herumlungern” mit sechs verkauften Exemplaren. Auf Platz 10 steht Jean Améry, dessen “Jenseits von Schuld und Sühne” sich mit 76 Käufern dagegen schon als Best-Worstseller behaupten kann. Im Mittelfeld liegen Erich Maria Remarque, Heinrich Mann und Anna Seghers. Na, da können private Biografien doch locker mithalten. Und ihre Leser sind definitiv aufmerksamer.

Die Zukunft des biografischen Schreibens

Donnerstag, 14. Dezember 2006

Habe eine interessante Prognose in der San Francisco Chronicle gelesen. Zwar ist der Beruf des Biografen in den USA schon länger durchprofessionalisiert, aber auch jenseits des Atlantiks spricht man von einer “großen Marketingaufgabe, die darin liegt, den potenziellen Kunden bewusst zu machen, dass biografische Dienstleistungen vorhanden sind”. Darüber klagt auch Jürgen Möllers, der sein Handwerk bei Katrin R. lernte und nun als Personal Historian in San Francisco arbeitet. Das “Verkaufen” sei nicht einfach, denn Privatbiografien seien noch weiten Teilen der Öffentlichkeit unbekannt. Letztlich aber ist es eine reine Frage der Zeit, besser gesagt, der kritischen Masse. Wenn erst einmal genügend Menschen ihre persönliche Autobiografie besitzen, wird die Dienstleistung “Biografie” zur Selbstverständlichkeit. Zumal es Millionen US-Bürger gebe, denen die Weitergabe ihrer persönlichen und Familiengeschichte ein Bedürfnis sei. Wobei es weniger die 70- bis 80-Jährigen seien, die eine Autobiografie erstellen wollen, denn diese Generation sei zu “bescheiden” und halte sich für zu unwichtig. Aber ihre Kinder, also die 68er-Generation, sei mittlerweile stark interessiert an den Erfahrungen ihrer Eltern und setze sich dafür ein, dass Vater und Mutter endlich ihre Autobiografie schreiben. Und wenn dann mal die “68er” selbst 70 Jahre alt werden, dann werden sie ihre Lebensgeschichte festhalten wollen: “They will want to tell their story all over the place.” Na bitte, die Arbeit wird uns nicht ausgehen…

Biografie eines Tages

Dienstag, 12. Dezember 2006

Auf der Webseite “History Matters” wurde der Versuch unternommen, einen Tag von vielen normalen Menschen zu erfassen. Quasi einen Schnappschuss des Alltags, denn Geschichte ist mehr als “nur” besondere Ereignisse und das Werk von prominenten Persönlichkeiten.  Ich habe neulich erst mit einem Freund darüber philosophiert. Er meinte, dass unsere Generation ja eigentlich gar nichts, ähm, Aufregendes erlebt hat. Kein Krieg, Flucht oder Vertreibung. Wir saßen immer schön im Warmen. Waren Augenzeugen und keine Opfer oder Täter. Andererseits: Wer sagt denn, dass eine ausgefüllte Biografie sich nur mit Leid und Elend herstellen lässt? Außerdem, die Welt ist auf ihre Art und Weise immer verrückt genug. Wer das Absurde und die Brüche sucht, der findet sie auch.

Biografie in sechs Wochen?

Montag, 11. Dezember 2006

Irgendwie ungewöhnlich ist die Homepage des werten Kollegen. Nicht nur, dass sie voller Werbung ist (z.B. für Fotobuch.de und Internet-Roulette), er hatte auch noch die nicht unpfiffige Idee, 100 Euro als Prämie für einen vermittelten Kunden auszuloben. Hmm, ehrlich gesagt, damit kann man vielleicht Lieschen Müller ködern, aber unter Kollegen sollte man sich schon prozentual beteiligen. Egal, die meint der werte Kollege ja auch nicht. Da ich mich aus gegebenem Anlass (dazu bald mehr) intensiv mit Biografen-Homepages auseinandersetze (keine Sorge, bin kein Anwalt), sieht man oft eine ähnliche Aufmachung. Die auch allermeistens ganz gut ist. Die einsetzende Professionalisierung des Biografenberufes hat eben ihr positiven Seiten.
Aber, abgesehen von der optischen Anmutung, die eigene Geschäfts-Homepage mit fremder Werbung zu bekleistern, was mich wirklich irritiert hat, sind die Referenzen. Knapp ein dutzend zufriedener Kunden ist natürlich Zeichen für eine erfolgreiche Präsenz am Markt. Noch dazu, wenn die glücklichen Biografiebesitzer von Hamburg über München, Bern, Tunis und New York verteilt wohnen.
Aber eine klitzekleine Frage bohrt schon in mir: Wie schafft er es laut Kunde Gunnar L. aus Elmau, dass “es dann nur sechs Wochen gedauert hat, bis ich mein Buch in Händen hielt”? Ehrlich gesagt, das krieg ich nicht hin. Und ich wollte es auch gar nicht. Ein bisschen Zeit muss sein. Für meinen Erzähler und für das Buch seines Lebens. Denn eine gelungene Biografie ist kein Roulettespiel.