Archiv für November, 2006

Tag für Tag

Samstag, 11. November 2006

Eine bewundernswerte Leistung hat der Hamburger Journalist Knut Mellenthin auf die Beine bzw. ins Internet gestellt. 1990 fing er damit an, jeden einzelnen Tag vom 30. Januar 1933 bis zum 8. Mai 1945 zu erfassen. Herausgekommen ist eine einmalige Chronik des Holocaust. Sie erstreckt sich auf ganz Europa, auch die diskriminierenden und repressiven Maßnahmen anderer Staaten gegen ihre jüdischen Bevölkerungsteile (Rumänien, Ungarn, Italien u.a.) sind berücksichtigt. Dargestellt werden auch Reaktionen auf die Judenverfolgung und den Holocaust im außereuropäischen Raum, vor allem in den USA.
Inhaltlich finden sich Daten von Mordaktionen, Deportationen, Gesetzen und Maßnahmen. Parallel dazu die wichtigsten Ereignisse des Weltkriegs. Außerdem Texte, Auszüge oder Zusammenfassungen von antijüdischen Gesetzen und Anordnungen sowie Besprechungen und Konferenzen, die sich mit der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden befassten. Auch alle Äußerungen Hitlers in öffentlichen Reden und im privaten Kreis zur “Judenfrage” finden sich auf dieser Seite. Ebenso die Reden, Zeitungsartikel und Tagebuch-Eintragungen von Goebbels und Himmler.

Die Alten kommen

Freitag, 10. November 2006

Die weltweit auflagenstärkste Zeitschrift? Wird herausgegeben von der American Association of Retired Persons (AARP). Alle zwei Monate erscheint “AARP - The Magazine” mit 80 bis 140 Seiten. In einer Auflage von 22 Millionen. Das Magazin ist in den USA einer von 400 Titeln für die Zielgruppe Senioren. Dahin ist es in Deutschland noch ein Weilchen. Immerhin hat jetzt gerade der Spiegel ein Spezial zum Thema “Die Chancen der alternden Gesellschaft” an die Kioske gebracht. Über Senioren als stetig wachsende Zielgruppe berichtet auch die NZZ. Schon im letzten Jahrtausend saß ich einmal spinntisierend mit meinem ehemaligen Chefredakteur zusammen und wir überlegten, wie denn etwa ein Erotikmagazin für Senioren dereinst aussehen könnte. Nur junge Hühner? Das reicht nicht, dachten wir. Nun, mangels der nötigen Millionen, um ein neues Magazin an den Start zu bringen, wurde nichts draus. Was das jetzt mit dem Thema Biografie zu tun hat (außer meiner gescheiterten als innovativer Blattmacher)? Bewusst älter werden ist ein Prozess, der sehr wohl in eine literarische Selbstreflexion münden kann. Zum anderen zeigt die einsetzende Aufmerksamkeit für die Zielgruppe der Senioren, dass in Zukunft noch ganz andere Projekte möglich sind. Das Buch an sich wird es immer geben, aber wir Biografen sollten offen sein für neue Formen der Erinnerungskultur. Jenseits von Digitaldruck und Hochglanz warten Ideen auf ihre Zeit. Lassen wir uns überraschen.

Die andere Seite

Donnerstag, 09. November 2006

Wir sind deutschsprachige Biografen. Das engt naturgemäß das Spektrum der Lebensgeschichten ein, die wir aufschreiben können. Daher ist es gut, dass es nun ein Buch gibt: Iwans Krieg. Catherine Merridale hat sich durch Archive, Feldpostbriefe, Tagebücher gewühlt und rund 200 Veteranen der Roten Armee befragt. Herausgekommen ist eine Studie über den “Blick von unten”, den gewöhnliche sowjetische Soldaten und Offiziere auf den Krieg hatten. Den übrigens 90 Prozent des männlichen Jahrgangs 1921 nicht überlebten. Wer den Krieg überstand, galt in den folgenden Jahrzehnten als “sowjetischer Held”. Die meisten von ihnen, so Merridale, vereinsamten mit ihren fürchterlichen Erfahrungen im “inneren Exil”.
Ich wünsche mir viele, viele russische Kollegen. Dawaj!

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Mittwoch, 08. November 2006

Upps, demnächst geht wieder eine Biografie in Druck. Da warnte mich doch heute glatt meine Druckerei, dass es wegen des Weihnachtsgeschäftes zu verlängerten Fertigungszeiten kommen kann. Da wollen wohl viele Biografien unterm Tannenbaum liegen.

Biografik

Montag, 06. November 2006

Das Ludwig Boltzmann Institut in Wien ist einen Blick wert. Es hat sich die Erforschung von Geschichte und Theorie der Biographie zur Aufgabe gestellt.

Missverständnis

Samstag, 04. November 2006

Es ist immer das Gleiche. Kaum erscheint eine Promibiografie auf dem deutschen Buchmarkt und schafft es bis in die Spitze der Bestsellerliste, steht bei mir das Telefon nicht still. Am anderen Ende der Leitung sind Menschen, die wahrscheinlich völlig zu Recht davon überzeugt sind, dass Ihre Lebensgeschichte um vieles interessanter ist, als die des Promis. Im aktuellen Fall unseres Altkanzlers ist das ja auch gar nicht so schwer. Und wenn die Menschen dann noch lesen, dass Gerhard Schröder für seine Memoiren angeblich einen Vorschuss von einer Million Euro erhalten hat, dann müsste doch auch für sie bitteschön ein ordentliches Sümmchen abfallen. Die Enttäuschung der Anrufer ist durch den Telefonhörer spürbar, wenn ich ihnen erkläre, dass man mit einer Autobiografie nicht reich und berühmt werden kann, sondern dass man stattdessen bereits reich und berühmt sein muss, um mit seiner Lebensgeschichte Geld verdienen zu können.

Hannibanal

Donnerstag, 02. November 2006

Und wieder einmal - Jonathan Littell. Das ist ja schon fast so ein Hype wie um Harry Potters Ende. Eine neue Rezension findet sich heute bei der Frankfurter Rundschau. Woher kommt eigentlich dieses Interesse? Auch die gestrige Verfilmung von Michael Degens Autobiografie “Nicht alle waren Mörder” schildert einerseits aufrichtig die grausame Verfolgung der Juden, bemüht sich aber gleichzeitig, wie der Titel schon sagt, zu differenzieren. In jedem Falle wird hier die “Opferperspektive” eingenommen. Bei Littell ist es aber die “Täterperspektive”, die interessiert. Man könnte fast meinen, sie fasziniert. In jedem Falle scheint sie mir eine intellektuelle wie ethische Herausforderung. Denn es ist leicht, sich mit einem Opfer zu identifizieren (Danke an alle meine ehemaligen Kindergarten-Brennnessel-Schubser). Ein Täter bringt aber andere “Qualitäten” mit sich. Er kann banal sein oder böse. Oder banal und böse. Je böser aber, desto faszinierender. Vor allem, wenn eine gewisse Kultiviertheit hinzukommt. Hannibal Lector etwa war so einer. Er sagte nicht einfach: “Ich hab dich zum Fressen gern”.

Immer diese Vergangenheit

Mittwoch, 01. November 2006

“KSK nutzte Symbol der Wehrmacht” berichtet der Stern. Oh je. Ein neuer Skandal dräut herauf. Das KSK soll Palmensymbole von Rommels Afrikakorps auf einen Jeep gesprüht haben. Ich fürchte, die Serie der Skandale wird nicht abreißen: Die Bundeswehr nutzt ein (leicht abgewandeltes) Balkenkreuz als Hoheitsabzeichen. Der “Reibert” ist ein Handbuch für Soldaten, auch die Wehrmacht hat ihn benutzt. Das Schlimmste aber kommt noch: Die Bundeswehrsoldaten verwenden Waffen, wie die Wehrmacht! Und Generäle gab´s damals auch schon. Sollte man mal dem Stern sagen.