Archiv für November, 2006

Studiengang Biografie?

Donnerstag, 30. November 2006

“Analysen und Reflexionen zur semantischen Komplexität sprachlicher Prozesse der Selbst- und Fremdverortung in biographisch-narrativen Interviews” -  Wen hier der Graus vor universitätsdeutscher Fachsprache übermannt, den kann ich nur allzu gut  verstehen.  Aber dieses Wortgetöse hat einen Hintergrund. “Biografisches Schreiben” wird zum Studiengang, und zwar an der  Berliner Alice Salomon Fachhochschule.  Biografiearbeit hat einen großen Nutzen für psychosoziale Berufsgruppen, denn “Das kreative und biografische Schreiben ist in den USA seit langem Teil sozialpädagogischer Arbeit, aber auch Teil professioneller Gesundheitsförderung. Es ist ein Arbeitsfeld, das auch bei uns in Gesundheits- und psychosozialen Berufen zunehmend eine Rolle spielt. Zugleich ist es eine Methode, die Menschen immer schon im Rahmen von Tagebuchaufzeichnungen, in Briefen und insbesondere im schriftlichen oder auch erzählenden Festhalten von Erinnerungen angewandt haben, um der Geschichte ihres Lebens »auf die Spur zu kommen«. Viele Menschen beginnen gerade in Krisensituationen, Erinnerungen aufzuschreiben, häufig verbunden mit der Hoffnung, diese Erinnerungen und damit sich selbst in der Kontinuität des eigenen Lebens besser zu verstehen. Andere arbeiten an ihrer Biografie im Rahmen von Seniorengruppen, Zeitzeugenbörsen oder Geschichtswerkstätten. Die amerikanische Creative-Writing-Forschung hat längst nachgewiesen, dass diese Ansätze gesundheitsförderlich sind.”

Damit wäre wieder einmal bewiesen: vom Großen Bruder lernen, heißt Schreiben lernen. Und: Biografie macht gesund. Hinzu kommt, eine Professionalisierung ist immer erstrebenswert. Wer seinen Beruf als Biograf ernst nimmt, kann dies nur unterstützen.

Neue Fragen

Dienstag, 28. November 2006

Manfred Rommel, Ex-OB von Stuttgart und querdenkerischer Autor, hat heute in seiner Kolumne in der Stuttgarter Zeitung darüber philosophiert, dass die Jungen nicht immer von den Alten lernen können, müssen und wollen. Er meint dabei nicht einmal die Erfahrungen von Krieg und Diktatur, die seine Generation prägten. Nein, ihm geht es darum, dass für ihn eine Welt zusammengebrochen ist, seit gut verdienende Banken ohne Not Tausende entlassen. Das hätte er sich vor 30, 40, 50 Jahren einfach nicht vorstellen können. So gesehen gehört die Vorstellung des “sicheren Arbeitsplatzes” mittlerweile in die Kategorie der autobiografischen Erinnerung. Und kann in den Fragenkatalog der Interviews aufgenommen werden. “Sie hatten damals also tatsächlich einen sicheren Job? Erklären Sie für das Buch doch einmal die Begriffe “Weihnachtsgeld” und “Weiterbildungsurlaub”.

Haralds Nazi-Show

Montag, 27. November 2006

Harald Schmidt hat, damals noch auf Sat1, an bundesdeutsche Befindlichkeiten gerührt. In seiner schmidtigen Art wundert er sich über die Unbefangenheit, in der die Medien mittlerweile den DDR-Alltag verklären. Wäre es da nicht Zeit für die “Nazi-Show”, provoziert er. Anzuschauen hier. Man kann das Ganze dann ja weiterspinnen: Die 100 größten Nazis, die Pimpf-Show oder “Deutschland - Deine Österreicher” . . .

Generation 100Plus

Sonntag, 26. November 2006

Aus Texas kommt auch Gutes. Treehouse Productions stellt Radiobeiträge und mehr her. Zum 11. November 2006, dem alljährlichen “Veteran´s Day” in den USA, haben sie einen Beitrag geliefert, der in zahlreichen US-Radiostationen gesendet wurde. Inhalt waren Interviews mit den letzten noch lebenden Veteranen des 1. Weltkrieges. Der Jüngste war 105 Jahre alt. Ich finde das eine tolle Idee. Im deutschsprachigen Raum ist nun das Buch von Christine Haiden und Petra Rainer: “Vielleicht bin ich ja ein Wunder - Gespräche mit 100-Jährigen” erschienen.
Die Mitwirkenden: Alice Herz-Sommer hat noch Franz Kafka gekannt, mit ihrem Sohn Theresienstadt überlebt, wohnt in London und spielt bis heute täglich drei Stunden Klavier. Baron Lothar von Sternbach hatte als selbstbewusster Südtiroler 1941 die Option für Nazideutschland nicht unterschrieben. Renate Brausewetter war einst Stummfilmstar und Günther Schwab ein früher Naturschützer. Leopold Engleitner musste wegen seiner religiösen Überzeugung für mehrere Jahre in Konzentrationslager, und Aloisia Werner hat sich vor über 80 Jahren für den Ordensberuf entschieden. Anna Wohlfahrt erlebte, was es früher hieß, als Dienstmagd ein lediges Kind zu bekommen, und Warda Bleser-Bircher war eine der ersten Frauen, die an der Uni Zürich als Geologin promovierten.
Ich habe die Zahlen grad nicht im Kopf (gestern erst gelesen, heute schon vergessen), aber zur Zeit leben etwa 3000 bis 4000 Hundertjährige in Deutschland. In ein paar Jahrzehnten soll die Zahl sich verzehnfacht haben.

Dieser Preis ist sch . . .

Samstag, 25. November 2006

Transparenz dem Kunden gegenüber ist sehr wichtig. Wer einen Biografen beauftragt, hat das Recht zu wissen, wie die Vorgehensweise ist und wieviel das Buch kosten wird. Ein sehr kurioses Beispiel, wie man es nicht machen sollte, stammt aus Österreich.
Gehen wir mal bei der Kollegin vom Beispiel einer Biografie mit 152 Seiten aus (warum nicht 151 oder 153?). Hat der Kunde bereits seine Biografie selber geschrieben - und zwar mit MS-Word, dann kostet ihn 30 Exemplare (warum gerade 30?) inklusive “Systemmanipulation, Korrektorat, druckfertiges Layout, Druck, Auslieferung” 1462,90 Euro.
Hat der Kunde seine Biografie aber handschriftlich oder mit der Schreibmaschine verfasst, dann kostet ihn sein Buch plötzlich 2739 Euro. Hmm. Wenn ich nachrechne, sind das 1276 Euro und 10 Cent zusätzlich. Dafür aber wird das Manuskript transkribiert - und lektoriert.
Ich finde, man sollte Bücher IMMER lektorieren lassen. Und nicht nur, wenn sie handschriftlich verfasst sind.
Es gibt für die Kollegin aber auch noch einen dritten Fall: Sie muss nämlich als Biografin tätig werden, also nicht nur bereits erstellte autobiografische Texte bearbeiten und formatieren.
Ok, die Dame kommt zum Kunden, führt die Interviews usw. Das daraus enstandene Buch kostet dann 4.046,20 Euro. Ihre Dienste als Biografin sind damit 2583,30 Euro wert. Kleine Kuriosität am Rande: Diesmal ist wiederum kein Lektorat dabei, sondern nur ein Korrektorat (es werden also nur Rechtschreibfehler korrigiert, die Logik und Qualität des Textes wird nicht noch mal sorgfältig überprüft).
Mir tut es leid: ich verstehe eine derartige Preisgestaltung, noch dazu mit solch krummen Zahlen, überhaupt nicht.

Feldpost

Freitag, 24. November 2006

Ein Lese- und Linktipp: Deutsche Soldaten schickten im 2. Weltkrieg zirka 30 bis 40 Millionen Feldpostbriefe an die Heimat. Das Museum für Kommunikation in Berlin betreibt eine Webseite, auf der digitalisierte Feldpostbriefe abrufbar sind. Darüber hinaus gibt es Tipps zum Aufbewahren der mittlerweile doch recht betagten Briefe - und die  Möglichkeit, Feldpostbriefe aus dem privaten Fundus vom Museum einscannen zu lassen, damit sie auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Ich hatte neulich auch einige Briefe in den Händen, seit 60 Jahren behütet als letzte Erinnerung an einen geliebten Menschen. Wir haben ausgewählte Passagen eingescannt und in die Biografie eingebaut. Für die Enkel, die kein Sütterlin mehr lesen können, haben wir die Texte “übersetzt”.
Ich fand es sehr berührend, einem jungen Mann, der nie älter als 22 Jahre wurde und der seit 60 Jahren tot ist, auf diese Weise noch einmal eine kleine Aufmerksamkeit zu widmen.

Warnung vor Seniorenmagazin

Montag, 20. November 2006

Soeben erreichte mich eine email von Andreas Mäckler. Er warnt vor dem “Seniorenmagazin” des Nordverlages Lübeck. Es gibt Berichte hier und hier, dass dieser Verlag zwar Anzeigen verkauft, aber dafür keine Gegenleistung erbringt. Inzwischen hat sich eine Initiative gegründet, die sich mit den Machenschaften auseinandersetzt. Sowas ähnliches kenne ich aus meiner Redakteurszeit. Da war es ein Magazin, das sich als Postille der Polizeigewerkschaft ausgab, und der brave Bäcker von nebenan inserierte dann, weil er dachte, etwas Gutes zu tun. Denkste.

Nicht ohne meinen Führer?

Donnerstag, 16. November 2006

Gibt es denn in Deutschland keine Autobiografie ohne Bezug auf das Dritte Reich, fragt Ralf Dahrendorf in der NZZ und klagt: “Sind normale Zeiten nicht Autobiografie-würdig?” Sind sie schon, Herr Dahrendorf. Aber je länger die Erinnerungen zurückliegen, desto dringender der Bedarf an ihrer schriftlichen Fixierung. Was wir in den 50ern, 60ern und 70ern erlebt haben, kommt auch noch dran. Versprochen.

Boomer und Biografien

Dienstag, 14. November 2006

“Vor drei, vier Jahrzehnten dachte die Nachkriegsgeneration, die “Babyboomer”, dass die einzige Chance zur Selbstfindung darin liegt, das Elternhaus zu verlassen. Inzwischen ist ihr klar geworden, dass die beste Möglichkeit, sich selbst zu verstehen, darin liegt, von den Geschichten und Erfahrungen ihrer Eltern und ihrer Familie zu lernen. Nun spüren sie den Drang, all diese Geschichten zu erhalten. Denn sie wissen, dass die Menschen, die diesen Wissensschatz besitzen, allmählich aussterben und die Weisheit mit sich nehmen, die sie erworben haben.” Man möge mir diese holprige Übersetzung aus dem Englischen nachsehen. Es handelt sich um ein Thema des diesjährigen Kongresses der APH, der Association of Personal Historians“. Im amerikanischen Berufsverband der Biografen ist man sich sicher: ““Wir versuchen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verknüpfen, denn wir wissen, wie bereichernd  diese Verbindungen sind.” Unser großer Bruder hat Recht.

Schreiben können

Montag, 13. November 2006

Wie wird man (Auto-)Biograf? Gute Frage, es ist ein neuer - und doch uralter - Beruf. Zwar gibt es den Versuch der Kathrin R. aus B. sogenannte “Autobiografiker” auszubilden und damit Geld zu verdienen, aber ein geregelter Ausbildungsgang existiert nicht. Daraus resultieren dann auch diverse Vorgehensweisen. Ob ein Biograf aus dem Journalismus oder aus dem Genre Therapie/Seelsorge stammt, dürfte den modus operandi durchaus mitbestimmen. Nur eines muss man mitbringen: die Fähigkeit schreiben zu können. Man kann es oder kann es nicht. Eine journalistische Ausbildung mag sinnvoll dazu beitragen (muss aber nicht). In diese Kerbe haut die F.A.Z. eine Rezension von Alfred Bioleks Autobiografie. Bio hat seinen Autobiografen Veit Schmiedinger zum offiziellen Mitautoren geadelt. Doch die F.A.Z. mäkelt an Schmiedinger herum, er “sei über Klaus Mann promoviert worden und habe über ihn eine biographische Studie verfaßt. Ein journalistisch oder belletristisch geschulter Autor jedenfalls ist er leider nicht.” Ich selber habe Bios Bio noch nicht gelesen und kann allein schon deswegen nicht darüber urteilen. Dass man aber “auch” an eine Autobiografie literarische Anforderungen stellen kann, sollten wir uns immer vor Augen halten.