Archiv für Oktober, 2006

Bestseller

Montag, 16. Oktober 2006

Lustig ist ein Blick auf die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch dieser (42.) Woche:

Platz 1: Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg
Platz 2. Joachim Fest: Ich nicht

Der persönliche Blick

Sonntag, 15. Oktober 2006

Über die Bedeutung persönlicher Erinnerungen für unsere Sicht der Geschichte ist schon viel gesagt worden. Mir ist gerade wieder klar geworden, wie wichtig unsere Arbeit als Biograf auch in diesem Zusammenhang ist. Gemeinhin erscheinen die fünfziger Jahre als Zeit des Aufbruchs. Wirtschaftswunder, VW-Käfer, Italienreise, das Wunder von Bern …, die Reihe ließe sich beliebig verlängern. Die dunklen Zeiten waren vorbei! Wirklich? Ich schreibe gerade die Lebensgeschichte einer Dame, die bald nach dem Krieg nach Zürich ging. Dort lernte sie ihren Mann kennen und zog mit ihm nach Hamburg - in eine graue, dunkle Stadt. Noch heute spürt man, wie sehr sie das bunte, lebendige Zürich verzaubert hatte und wie traurig das triste Hamburg war. Keine Straßencafès außer dem spießigen Alsterpavillon, nur eine einzige Galerie. So grau wie die Stadt, so grau auch die Menschen. Und unnahbar dazu: “Alle siezten sich, auch wenn sie schon Jahrzehnte miteinander arbeiteten. Wie fröhlich und aufgeschlossen gingen die Menschen in der Schweiz miteinander um.”

Manchmal ist es gut, den Blick von außen zu haben. Da relativiert sich vieles. Die fünfziger waren eben auch spießig und voller provinziellem Mief. Selbst in Hamburg. Menschen, die das Land nie verlassen hatten, haben es nur nicht bemerkt. Für sie war es wahrscheinlich nur wichtig, dass endlich Frieden war.

Der Mensch hinter dem Mythos

Samstag, 14. Oktober 2006

Kaum eine Figur ist in Deutschland so bekannt, wie der “Hauptmann von Köpenick”. Was für ein Mensch steckt aber tatsächlich hinter der literarischen Figur, wer war jener Wilhem Voigt wirklich? Interessanterweise ist seine Autobiografie, die er 1909, ein Jahr nach seiner Haftenlassung schrieb, kaum beachtet worden. Jetzt wurde sie wiederveröffentlicht, versehen mit einem lesenswerten Nachwort von Ludwig Lugmeier. (Wilhelm Voigt: Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde. Ein Lebensbild. Berlin 2006)

Voigt verfolgte mit seinem Coup keineswegs das Ziel, sich einen Pass zu verschaffen. Es handelte sich vielmehr um einen schlichten Raubzug, denn ihm war ein Gerücht zu Ohren gekommen, dass sich im Panzerschrank des Rathauses von Köpenick 2 Millionen Mark befänden. Seine Tat war aber eine geniale Idee, trotz ihres Scheiterns, das ihn wie schon oft zuvor ins Gefängnis brachte.

Nach der Haftentlassung machte Voigt aus seiner Tat ein Geschäftsfeld und die Autobiografie war Teil seines “Businessplans”. Weil er selbst nicht schreiben konnte, engagierte er den Kriminalschriftsteller Hans Hyan als Ghostwriter. Dieser Kollege beklagte, dass Voigt  “alle seine Taten in reinerem Lichte” darstellte. Es ging Voigt überhaupt nicht um die Wahrheit, er wollte schlicht und einfach Geld verdienen. Das gelang ihm sehr gut, denn das Buch wurde zum Bestseller und sogar in Französische übersetzt. Voigt wurde vermögender Privatier und Hausbesitzer, bis die Inflation sein Geld wieder auffraß und er 1922 verarmt starb.
Was lernen wir daraus? Anscheinend haben sich die Mechnismen der Buchbranche, zumindest wenn es um Autobiografien geht, in den letzten hundert Jahren kaum verändert.

Wer mehr über das tatsächliche Leben Wilhelm Voigts wissen will, findet hier das Nachwort zur wiederveröfentlichten Autobiografie.

Dem Abschied Gestalt geben … Was ist der Sinn?

Donnerstag, 12. Oktober 2006

Wichtigster Bestandteil der Abschiedsfeier ist die Rede. Behutsam taste ich mich während unserer Gespräche bei Herrn und Frau  Noczynski voran, um etwas über den Menschen Noczynski zu erfahren.  Es ist schwer, über Leben und Sterben nachzudenken, sich mit seiner Endlichkeit auseinander zu setzen, wenn Gevatter Tod an die Tür geklopft hat, um sein Kommen anzukündigen. Stück für Stück kommen wir voran, halten inne, um weiter dem eingeschlagenen Pfad zu folgen. Beeindruckt höre ich zu, wenn Herr Noczynski Resümee zieht:  „Ich bin dem Sensenmann dreimal von der Schippe gehopst und habe doch ein schönes Alter erreicht und dabei mein  Leben genossen. In meinem tatenreichen, aktiven Leben habe ich viel geschafft und etwas geschaffen. Ich freue mich, dass ich die Liebe zur Musik in meiner Familie weitertragen konnte, und es ist mir wichtig, etwas von Wert und Bestand zu hinterlassen.“ Herr Noczynski besitzt einen hintergründigen Humor, der sich spöttisch aufblitzend in seinen blauen Augen widerspiegelt.  Aus diesem Grunde gibt es trotz aller Traurigkeit immer wieder etwas zu lachen. Herr Noczynski liebt Autofahren über alles und so würde er gern mit seinem eigenen Auto zu seiner Beerdigung fahren. Gespannt folge ich den Ausführungen von Herrn Noczynski, der sein Leben lang  ein Musikus aus Leib und Seele war.  Als kleiner fünfjähriger Steppke bekam er eine Ziehharmonika geschenkt, der wenig später eine Violine folgte. Sein Weg schien vorgeschrieben, bis der Krieg ihn zu anderen Aufgaben zwang. Doch unaufhaltsam setzte er sich nach Kriegsende für seinen Weg ein und war 42 Jahre später ein geachtetes und geschätztes Mitglied seines Klangkörpers. Sich für seine Mitmenschen einzusetzen, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, auch gegen vorherrschende Meinungen, dass sei ihm wichtig gewesen, betont er ein ums andere Mal. Ansonsten macht er um seine beruflichen Leistungen kaum Worte.  Während unserer Gespräche versuche ich, die Fragen herauszuhören und die für diese Person stimmigen Antworten zu finden. Oft ist es die Frage nach dem Sinn von allem.   Für Herrn Noczynski fand ich bei Kurt Schleiermacher die treffende Antwort: „Der Sinn des Lebens ist, in jedem Augenblick ewig zu sein. Die einzig wahre Unsterblickeit ist jene, die wir schon in diesem Leben vollständig besitzen können. Persönliches Überleben ist irreal oder wertlos. Was wir brauchen, ist ein tiefes, nicht ein langes Leben.“ 
* Namen geändert
 

Biografie einer Generation

Donnerstag, 12. Oktober 2006

“Die ´Oral history´, die sonst das vermeintlich Nebensächliche für die kollektive Erinnerung rettet, hat im Dialog zwischen den deutschen Generationen wohl versagt.” Diese treffende Worte schreibt Hilke Lorenz in ihrem Buch “Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation.” Rund 40 Mitglieder jener Generation, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurde, hat sie befragt. 40 von insgesamt knapp 15 Millionen. Jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann von ihnen litten und leiden immer noch an Angstattacken. Nach dem Krieg mussten sie schweigen, denn sie hatten ja immerhin überlebt. Ich habe mich neulich erst mit einem Mann unterhalten, der als kleines Kind die Bombenangriffe erlebt hatte. Noch heute kann er keine Dunkelheit ertragen, wenn er allein ist, muss das ganze Haus hell erleuchtet sein. Aber an diesem Beispiel möchte ich eines festmachen, was auch Hilke Lorenz resümiert: “Es scheint, als sei die Zeit des konsequenten Schweigens nun vorbei. Viele der ehemaligen Kriegskinder wollen von dem berichten, was sie den eigenen Kindern so nie erzählt haben.” Oder noch nie. Mein Vater wird nächstes Jahr 70 Jahre alt. Ehrensache, dass wir seine Erlebnisse endlich aufschreiben.

Erinnerung an einen Sommer

Mittwoch, 11. Oktober 2006

Über das kollektive Gedächtnis haben wir ja schon gesprochen. Gestern habe ich mich einer Art Selbstversuch unterzogen. Der Sommer geht zu Ende, am Bodensee tut sich die Sonne schwer, durch den Nebel zu kommen. Also dachte ich mir: Geh ins Kino und schau Dir Sönke Wortmanns “Deutschland ein Sommermärchen” an. Vielleicht hilft die Erinnerung an die tolle Atmosphäre aufkommende Melancholie in die Schranken zu weisen. Vorab: es ist ein guter Film, ein Muss für alle Fußballfans und auch Fußballmuffel werden ihren Spaß haben an dem voyeuristischen Blick hinter die Kulissen.
Als ich da so im Kino saß und die Bilder der begeisterten Fans sah, ging mir ein anderer Gedanke durch den Kopf. Wird diese WM, die uns vier Wochen lang so begeisterte, die den Deutschen zeigte, wie leicht und schön das Leben sein kann, wird dieser wunderschöne Sommer Teil unseres kollektiven Gedächtnisses werden? Werden wir uns noch in fünfzig Jahren daran erinnern, auf welcher Fanmeile wir waren, als Lehmann seinen legendären Zettel aus dem Stutzen zog? So, wie sich heute jeder daran erinnert, wo und wie er das Wunder von Bern erlebte. Ich glaube nicht. Die Erinnerung wird verblassen. Selbst wenn Klinsmanns Truppe Weltmeister geworden wäre, hätte das Vergessen spätestens nach dem Abspann des letzten Jahresrückblicks eingesetzt. Mit dem Sieg in Bern entstand zum ersten Mal wieder ein Wirgefühl. Die WM 2006 präsentierte Deutschland einfach nur als offenes und fröhliches Land. Ganz normal eben, auch wenn wir uns selbst darüber wunderten. Also werden zukünftige Biografen wohl nicht allzu oft über dieses Sommermärchen schreiben. Schade eigentlich, denn schön war er schon, dieser Sommer 2006.

Dem Abschied Gestalt geben … die erste Begegnung

Montag, 09. Oktober 2006

Es ist Arbeitstag wie viele Tage im Leben einer Biographin, als mein Telefon läutet. Der Anrufer stellt sich als Herr Noczynski* vor und möchte zu  Lebzeiten seinen Abschied selbst gestalten. Wir vereinbaren einen ersten Termin, um seine Wünsche genauer zu formulieren.

Unglaublich nett werde ich von dem Ehepaar Noczynski auf dem idyllischen Grundstück in Waldesnähe empfangen. Er  wirkt klein, zerbrechlich und von Krankheit gezeichnet. Doch in seinen  blauen Augen sprüht das Feuer eines wachen Geistes und erzählt von einem Menschen, der mit starkem Willen sein Leben anpackt, formt und lebt. Frau  Noczynski ist ganz aufgelöst, weint leise vor sich hin und kann gar nicht verstehen, was sich ihr Mann da ausgedacht hat. „Nein, so was macht man doch nicht!“  Ihr Mann sitzt derweil still und ruhig da und lässt seine Frau reden.  Dann berichtet er mir von den vielen Schicksalsschlägen der letzten Jahre, und dass nun ein unheilbares Leiden seinem Leben eine nahe Begrenzung setzt. Das sei ein schwerer Schlag für ihn gewesen, doch er ist Realist und als solcher greift er dem Schicksal in den Rachen und sieht, was daraus zu machen ist. Neben vielen Dingen sei es ihm wichtig, über seinen Abschied nachzudenken. Weil, er habe einfach so viele furchtbare Reden gehört, dass er selbst entscheiden will, was da über ihn gesprochen wird. Während er das erzählt,  holt er aus einer Schublade einen Zeitungsartikel heraus. „Abschied gehört zum Leben“ steht in der Überschrift dieses Artikels. Er  hat vor zwei Jahren über mich und meine Arbeit berichtet, erzählt von meinen eigenen Erfahrungen, meinem daraus resultierenden Weg als Biographin und Abschiedsgestalterin.Das habe ihn überzeugt, dass ich die Richtige bin, um seinen Wünschen Ausdruck zu verleihen. Sodann schiebt er mir  die von Freunden gefertigten Unterlagen seines 80sten Geburtstages zu. Das Eis ist gebrochen und wir besprechen, wobei ich ihn auf dem Wege der Abschiedsgestaltung unterstützen soll.  Frau  Noczynski hat sich gefangen und  schenkt uns allen Kaffee ein. Während der nächsten zwei Monate treffen wir uns dreimal, um den Ort der Abschiedsfeier festzulegen, den Bestatter  und die Bestattungsart auszuwählen, über stationäres und ambulantes Hospiz zu sprechen und den Ablauf der Feier mitsamt der einzuladenden Gäste festzuschreiben. Als Musiker  ist es sein Wunsch, dass auf seinem Abschiedsfest  ein Quartett aufspielt. Gern würde er es sehen, dass diese Aufgabe von einem Familienmitglied übernommen wird.

*Namen geändert

Mitautor und Realisator

Montag, 09. Oktober 2006

Alfred Biolek ist da recht nobel: er nennt seinen Autobiografen beim Namen. Die Bio vom Bio hat Veit Schmiedinger geschrieben, oder zumindest als Co-Autor mitgewirkt.  Genauso James Last, der mit Thomas Macho seine Autobiografie herausgebracht hat.
Im Allgemeinen nimmt man sich als Biograf ein wenig zurück und platziert sich in der Autobiografie gerne als “realisiert von . . . ” Macht aber nix, das eigene Ego hat einfach zurückzustehen. Im Mittelpunkt steht schließlich der Erinnernde. Im Unterschied zu den Autobiografien von Promis wie James Last und Alred Biolek sind Privatbiografien auch gar nicht für einen großen Kundenkreis bestimmt. Ausnahmen freilich gibt´s immer.

Du sollst nicht stehlen!

Freitag, 06. Oktober 2006

Dieses Gebot scheint für Biografen nicht zu gelten. Wie ich darauf komme? Kollege Ronald hat mir mal wieder ein paar Internetadressen von Kollegen geschickt, die ich bisher noch gar nicht kannte. Unsere Zunft wächst ja anscheinend täglich. Jeder, der von sich glaubt, einigermaßen schreiben zu können, bietet sich heute als Biograf an. Geht ja auch so einfach. Man muss über keine besonderen Fähigkeiten verfügen, es braucht eigentlich nur einen Internetauftritt. Damit man nicht unnötig Zeit verschwendet, schreibt man die Texte dafür nicht selbst, sondern stiehlt sie. Glaubt Ihr nicht? Ihr meint, dass Biografen vom schreiben leben und deshalb Wert darauf legen, ihre eigenen, möglichst originellen Texte zu verwenden? Weit gefehlt. Beim herumstöbern stieß ich gerade auf eine Seite, deren Texte mir merkwürdig bekannt vorkamen. Grob geschätzt 80 Prozent waren wortwörtlich von meinem Internetauftritt oder aus meinem Werbematerial kopiert. Eindeutig ein Fall von Diebstahl geistigen Eigentums. Ich habe jetzt mal weitere Informationen von dem Kollegen angefordert - unter Pseudonym versteht sich. Bin gespannt, was da kommt. Wetten, dass ich das Angebot genau vorhersagen kann? Das ganze ist übrigens kein Einzelfall, vor ein paar Monaten habe ich einen anderen Kollegen abgemahnt und ihm mit rechtichen Schritten gedroht. Er hatte schlichtweg alle Texte von mir gestohlen - einschließlich der Tippfehler.
P. S. Der Kollege hat schnell auf meine Anfrage geantwortet. Leider muss ich noch ein paar Tage warten, bis ich weiß, ob ich meine Wette gewinne, denn er macht gerade Urlaub in Holland. Na denn: Tot ziens!

Jugendlicher Leichtsinn

Donnerstag, 05. Oktober 2006

Ok, jetzt muss es raus. Ich bekenne mich zu meiner größten Schmach als Biograf und Historiker. Es war vor über 15 Jahren, als ich mit einem Freund in einer Kneipe war. Wir kamen mit einem betagten Herren ins Gespräch. Er war 1946 Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen gewesen und erzählte uns ein paar Geschichten über Göring und Konsorten, deren Reden er damals für das Gericht übersetzte. Natürlich fand Rüdi und ich das sehr spannend und fragten, ob wir ihn einmal zu Hause besuchen könnten um mehr zu erfahren. Der gute Mann war zwar erst misstrauisch, er kannte uns ja auch nicht, aber dann stimmte er zu. Und jetzt kommt´s. Wir haben es nie geschafft, bei ihm vorbeizugehen. Ich schieb´s auf meinen damaligen jugendlichen Leichtsinn, der mich diese einmalige Chance verpassen ließ und darauf, dass damals Erinnerungen eben doch noch nicht so bedeutsam eingeschätzt wurden, wie dies inzwischen der Fall ist.