Archiv für August, 2006

Ungeschriebene Biografien

Montag, 21. August 2006

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Es gibt Biographien, die werden nie geschrieben. Den Grabstein dieses Maori sah ich vor drei Jahren in Ypern. Wer war dieser Mann, der vor fast 90 Jahren, an Silvester 1917, starb? Er reiste um die ganze Welt, von Neuseeland ins belgische Flandern, und fiel dort dem großen Massenabschlachten zum Opfer. Hatte man ihm, dem Maori-Krieger, Ruhm und Beute versprochen?

Seine Biographie endete wie die rund einer Million Männer, die in Flandern starben. Eigentlich müsste man Flanderns Biographie schreiben. Die Landschaft dort hat mich tief beeindruckt. Ich habe eine Melancholie empfunden, die über und - so zynisch es klingt - in ihr liegt. Es herrscht die Ruhe eines riesigen Massengrabes, so lange es auch schon her ist.

Nochmal zur Zwiebel

Samstag, 19. August 2006

Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung fand sich am Freitag eine erhellende Analyse der “Parteien”:
1. Die Generation Grass, geboren vor 1930
2. Die Generation Fischer, die “68er”
3. Die “Jungen”
Die Alten zerfen sich teilweise untereinander. Aber so richtig unter Dampf sind die Joschkas. Plötzlich kommen die Alten daher und wollen ihnen sagen, wie es “wirklich” war. Die Jungen haben eh genug von den durchmarschierten und - nun ja, selbstgerechten - 68ern und was der “alte Zausel” vor über 60 Jahren getrieben hat, juckt sie nicht wirklich.
Abgesehen davon, ist der Kenntnisstand der Schreibenden zum Thema “Waffen-SS” nicht wirklich allzu dolle.

Was ich aber noch viel, viel interessanter finde ist die Meinung von Ivan Nagel, der als jüdisches Kind in Ungarn unter falschem Namen versteckt lebte.
Er hat darüber 50 Jahre nie gesprochen: “Ich hatte keinen Grund, mich zu schämen, ich war ja Verfolgter - und trotzdem konnte ich 50 Jahre lang nicht reden. Ich verstehe Günter Grass…
Das eigene Leben ist kein Nachschlagewerk, in dem man nach Belieben herumblättert, kein fertiges Manuskript, das man jederzeit veröffentlichen kann.”
Dem stimme ich zu. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sprechen von Biographiearbeit und meinen damit nicht das bloße Abtippen der Interviews. Vor allem der Erinnernde stellt sich seiner Vergangenheit - und das ist nicht stets und ausschließlich angenehm. Den roten Faden des Lebens zu finden ist die gemeinsame Aufgabe von Biograph und Klient.

Zwiebelschälen, Teil II

Freitag, 18. August 2006

Jetzt auch hier zum Thema Grass. Ist schon viel geredet und geschrieben worden über Sturmmann Günter G.
Am vernünftigsten urteilt noch Dieter Wellershoff auf Spiegel online. Darin schreibt er: “Junge Menschen werden von der Welt geprägt, in der sie aufwachsen, vor allem, wenn sie keine andere kennen, nur die eine, suggestiv inszenierte, die ihnen einen ehrenvollen Platz zuwies, wenn auch nur zum Sterben. Es war ein Sinnangebot, wie man es hoch feierlich bei Hölderlin lesen konnte, ebenso bei Rudolf Alexander Schröder, Ernst Jünger und anderen. Und es war ein Männlichkeitsbeweis, ein Abschied von der häuslichen Mutterherrschaft in der Spur der Väter. Die jüngsten Jahrgänge glaubten auf Grund von Erfahrungsmangel am längsten daran.”
Das ist das Eine, auf der anderen Seite hat Grass schon lange eine Biographie über sich autorisiert, in der er sich lediglich als Flakhelfer ausgibt. Vor allem wird ihm von den Kritikern nun seine eigene moralische Messlatte vorgeworfen, an der er selbst stets die Nachkriegsgesellschaft scheitern sah.
Und wahrlich, ich behaupte, alles stimmt. Das Grassche Schweigen ist genauso nachvollziehbar wie die Kritik daran. Genau das macht den Fall so kompliziert.
Doch so ist das eben mit der deutschen Geschichte. Ich hätte mir auch nie träumen lassen, dass der STERN einmal ein Propagandabild eines schmucken Soldaten der Waffen-SS auf seinem Titel hat.

Auch Senioren trampen

Freitag, 18. August 2006

Was für´s Guinessbuch der Rekorde: Heute auf dem Weg zum openBC-Treff musste ich an der roten Ampel halten. Ein alter Opa klopfte an die Beifahrerseite und fragte, ob ich in die Stadtgrabenstraße fahre. Tat ich zwar nicht, aber ich konnte ihn doch einfach nicht enttäuschen. Also machte ich einen kleinen Umweg ihm zuliebe. Er war 93 und hatte gerade seine Frau im Pflegeheim besucht. Dort liegt sie mit Alzheimer (schon gewusst: Alzheimer war ein Gelehrter in Tübingen) seit über 10 Jahren. Er hatte mich “angehalten”, weil er noch dringend in die Bäckerei XY wollte, da es nur dort altes Brot gibt, frisches mochte er wohl nicht.
Warum ich das aufschreibe? Biografiearbeit mit älteren Menschen bewirkt (oder bedingt?) einen großen Respekt vor dem Alter, ich achte auch viel mehr auf Senioren, die ich sehe. Wenn man genau hinschaut: die meisten Passanten ignorieren sie. Wetten?
Und nein: Ich habe ihm kein Buch aufgeschwatzt, nicht mal eine Visitenkarte zugesteckt. Ich habe ihm nur zehn Minuten lang zugehört und glaube, er hat heute ein gutes Gefühl, wenn er ins Bett geht.
Kann er auch. Mit 93 noch den Daumen im Wind…

So´n Franchise

Donnerstag, 17. August 2006

Wie wird man Biograph?
Ich denke, man muss schreiben - aber vor allem auch zuhören - können. Eine gewisse Lebenserfahrung gehört dazu, selbst wer die “Biographie” des Herrn Daniel Küblböck geschrieben hat, sollte tunlichst selbst keine 17 Jahre alt sein. Also: Mittelalt, aber nicht zu sehr, denn sonst haut´s mit der Enkelgeneration nicht mehr hin. Ältere Menschen reden eben lieber mit ihren “Enkeln” als mit ihren “Kindern”.
Eine Vorstellung von der Vergangenheit ist ebenfalls sehr nützlich. Wie soll man sich sonst auch in jemanden hineinversetzen, der im Dritten Reich groß geworden ist, wenn man selber glaubt, dass Bismarck den Angriffsbefehl auf die Sowjetunion gegeben hat (war das nicht 1949?).
Es geht aber auch anders:
Mit nur 50 000 Euro ist man dabei!
Heissa!
Das andere Ende des Spektrums bilden übrigens Journalisten. Trifft man einen, kommt unweigerlich die Frage dahergemurmelt: “Ja, und was kann man so dabei verdienen?” Ich will hier nicht über Preise reden, man muss von seiner Arbeit leben können. Aber es gibt leider Leute, die, so hart es klingt, systematisch Altersheime und Seniorenresidenzen abklappern. Im Journalismus spricht man vom “Witwenschütteln”, wenn man sich Angehörige von Opfern vorknöpft, um eine Tränenstory abzuliefern.
Wie wär´s also mit “Rentnerschüttlern”?

Jetzt oder nie: Biografie!

Mittwoch, 16. August 2006

Wie das jüngste Beispiel G. Grass (auf den ich noch zurückkommen werde) zeigt, ist das Thema (Auto-)Biografie - gerne auch mit ph - äußerst virulent.
Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit ihrer Lebensgeschichte.
Warum eigentlich?
Ich meine, sie wollen ihr Leben festhalten, es als Buch “begreifen” können,
ihrem Leben einen zusammenhängenden Sinn geben - und sich an das Gestern erinnern.
Das Biografieblog wird sich ab heute mit dem Thema “Biografie” beschäftigen. Es erzählt Geschichten, gibt Tipps und plauscht aus dem Alltag der Biografen.

Von denen gibt es mittlerweile einige in Deutschland. Seriöse und Hobby-Biografen, billige und teure. Der Markt ist, gelinde gesagt, etwas unübersichtlich. Auch darüber wird das Biografieblog berichten.
Wie üblich, sind die Amis uns voraus. In den USA gibt es schon lange den “Personal Historian”. Was können wir von der anderen Seite des Atlantiks lernen?

Und vor allem: Was lernt Mensch aus seiner eigenen Lebensgeschichte?