Archiv für August, 2006

Nochmal Grass und Konsorten

Donnerstag, 31. August 2006

Ein Mann steht vor zweitausend Menschen auf und ruft: “Ich grüße meine Kameraden von der SS!” Dann setzt er sich ein Fläschen Zyankali an die Lippen und trinkt.

Das ganze geschah 1969 auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart während einer Veranstaltung mit Günter Grass. Selbstverständlich verarbeitete unser aller Nobelpreisträger dieses Ereignis literarisch und porträtierte den Selbstmörder Manfred Augst in “Aus dem Tagebuch einer Schnecke”. 35 Jahre später findet Ute Scheub, Manfred Augsts Tochter, Abschiedsbriefe, verschiedene Manuskripte und Feldpostbriefe ihres Vaters. Es beginnt eine Spurensuche, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass die Leichen im Keller unserer Väter auch unsere Leichen sind. Selten habe ich in einer Biografie mehr über Schuld und Unschuld unserer Väter und die Unfähigkeit, darüber zu reden, erfahren. Unbedingt Lesenswert! Ute Scheub. Das falsche Leben. Eine Vatersuche. München 2006 (Piper)

Was taugt schon “Dein Lebensfilm”?

Mittwoch, 30. August 2006

Die F.A.Z. mag keine Biografien. Zumindest keine banalen von “einfachen Menschen”. Oder habe ich die Glosse im Feuilleton nicht ironisch genug aufgefasst? Es geht um einen Wettbewerb, den das DHM (Deutsche Historische Museum in Berlin) ausgeschrieben hat: DHM und die Stiftung “Dialog der Generationen” suchen Teilnehmer an ihrem Biographien-Wettbewerb “Was für ein Leben!” Dabei können biographische Skizzen von Familienmitgliedern, Freunden oder vom Einsender selbst “als Beispiele für einen interessanten Lebenslauf” eingereicht werden. Interessant ist eine Biographie, in der sich “Ereignisse der deutschen Geschichte einschneidend niederschlagen”, “ein bestimmtes Milieu und sein Alltag sehr konkret deutlich wird” oder “eine beeindruckende persönliche Entwicklung stattfindet”. Der Aufruf richte sich, so die F.A.Z., eher an jene, die froh sind, wenn sie von sich sagen können, sie seien irgendwo und irgendwann dabeigewesen, als irgend etwas geschah.
Als Preis winkt den Teilnehmern ein persönlicher, fünfundvierzigminütiger Lebensfilm im Wert von zehntausend Euro. Die F.A.Z. findet dies “karg bemessen” und meint: ”Ach, es gibt Wettbewerbe, an denen man für sein Leben gern nicht teilnimmt.” Die Frage stellt sich nun: hat die Biografie eines normalen Menschen überhaupt den Hauch einer Chance gegen das aufregende Leben eines F.A.Z.-Redakteurs zu bestehen (Abenteuerliche Parkplatzsuche mit dem Dienstwagen. ”Verdammt, der Kaffee ist alle!” Redaktionskonferenz, Flirt mit der Praktikantin etc.)?
Wir wissen es nicht, werden es wohl auch niemals erfahren. Wenn nicht doch in einigen Jahren die sensationelle Autobiographie “Dahinter steckt ein kluger Kopf” erscheint…

(V-)ergangene Biografie

Dienstag, 29. August 2006

Biografie ist erlebte Geschichte. Man kann sie erfahren. Noch intensiver, da langsamer, ist es beim Erwandern. Das hat Wolfgang Büscher getan. Er ging zu Fuß von Berlin nach Moskau. Drei Monate dauerte seine Reise, die ziemlich exakt dem Weg der Heeresgruppe Mitte entsprach. Diesen Weg war auch sein Großvater marschiert, den er nie kennenlernte. Es ist ein großartiges Buch, auf den Spuren der Vergangenheit durch die Gegenwart des einstigen Ostblocks.
Ich selbst plane seit zwei Jahren ähnliches. Nachdem ich durch die WAST herausgefunden habe, wo mein Großvater am 23. November 1943 starb, möchte ich mir den Platz anschauen. Indes, der damalige Truppenverbandsplatz liegt im heutigen Weißrussland, nördlich von Vitebsk. Aber ich mach das noch. Versprochen.

P.S.: Das Buch gibt´s als Taschenbuch, in der aktuellen Spiegeledition erscheint es diesen Monat als Hardcover für zehn Euro. Kaufen!

S-Spock

Montag, 28. August 2006

Und wenn wir schon dabei sind, die des nationalsozialistischen Gedankenguts wohl kaum verdächtige Taz hat auf ihren Webseiten das “Hitlerblog“. Tss, tss. Aber wunderbar. Im aktuellen Beitrag eine kleine Liste mit den “Hitler Mixtapes”, also einer Zusammenstellung von Songs zum Thema “Gröfaz”. Keine rechtsradikalen Lieder, kein Horst-Wessel-Lied, kein Nazirock und kein selbst ernannter Volksbarde wie Frank Rennicke. Ein paar dieser Lieder sind frei und legal herunterladbar, etwa “Even Hitler Had A Girlfriend” von The Mr. T Experience.
Weiter noch auf dem Hitlerblog: eine kleine Filmsequenz aus einer Original Startreck-Episode, in der Captain Kirk gegen die bösen Nazis kämpft. Schon mal Spock in SS-Uniform gesehen? Wie hat der bloß die Mütze über seine Ohren gekriegt?

Rap statt Rep

Sonntag, 27. August 2006

Ach ja, ein zentrales Thema der deutschen Geschichte. Hier einmal ganz anders…
Humor ist die ultimative Vergeltungswaffe. Danke, Walter Moers.

Sütterlin und Fraktur - wer liest das nur?

Samstag, 26. August 2006

Ich kann mich noch entsinnen, in der Grundschule am sogenannten Schönschreiben regelmäßig verzweifelt zu sein. Nicht nur, weil ich als Linkshänder damals noch zwangsbekehrt wurde, sondern auch, weil es sich m.a.W. um Sütterlin gehandelt hat. Das ist, wenn alle Konsonanten nur aus gleich aussehenden Strichen bestehen. Brrr. Ich kann´s nicht (mehr) lesen. Wer in seiner biografischen Arbeit vor dem Problem steht, einen alten Brief transkribieren zu müssen, dem kann geholfen werden: auf www.suetterlinschrift.de finden sich einige Tipps und Hilfestellungen. Als kleines Schmankerl kann man seinen eigenen Namen sütterlinisch anzeigen lassen.
Wer weiß, was diese drei Worte bedeuten?

Biografien-Erfinden, das

Freitag, 25. August 2006

Die Wortwarte an der Uni Tübingen ist täglich auf der Suche nach neuen Worten. Heute neu im Angebot: alkaidesk, Hochdopersport und Open-Air-Geburt. Ich habe dann mal, wie es meiner Pflicht entspricht, nach dem Thema Biografie geschaut. Voilá: Biografien-Erfinden, das. Ins Verzeichnis aufgenommen am 9. Juli 2006. Gefunden wurde das Wort von der Süddeutschen Zeitung, die einen “geheimen Briefwechsel in der Musikindustrie” veröffentlichte. Es geht um Stacie Orrico, deren neues Plattenalbum heute herauskommt. Ich kenn das Mädchen nicht, genausowenig wie ihre Musik. Das dürfte wohl genau das Problem umschreiben, dem sich die beiden Musikmanager widmeten: Wie mach ich eine 20jährige Sängerin interessant, die mit 14 ihr erstes Album herausbrachte? Klar, sie braucht eine interessante Biografie. Ähm, worin könnte die bestehen? Grübel. O-Ton: “dritte platte, irgendwas mit erwachsen, eigene weiblichkeit entdeckt? doof: beim thema sex tickt ihre mama gleich aus. … die kleine hat jetzt einen freund, keinen star, eine sandkastenliebe. könnte man über die kulleraugenschiene verkaufen. mama sagt, es gibt n onkel, der ist bei 9/11 gestorben. na, ist das nix?…9/11 geht gar nicht. mal was von short attention span gehört? zielgruppe ist 14-19, die erinnern sich nicht mal an den irakkrieg, obwohl der noch oben in den charts ist:-)))) nein, echt nix politisches, ok? wie wäre die alte ethno-nummer? wie schwarz ist das kätzchen eigentlich?” usw.

Was lernen wir daraus? Es gibt eine Marktlücke!
Auf zum Webhoster: www.ich-erfinde-ihre-Biografie.de oder www.ghostwriter-sucht-Tokio-Hotel.com sind noch zu haben.

Robert De Niro hat etwas versäumt

Donnerstag, 24. August 2006

Robert De Niro ist in meinen Augen der perfekte Schauspieler. Nur eines wirft er sich selbst vor: Er hat nie, als seine Eltern noch lebten, energisch genug darauf gedrängt, dass sie ihr Leben aufschreiben. Nun sei es zu spät, seine eigenen Kinder werden nie erfahren, wie das Leben ihrer Großeltern war.

Technik-Tipps für Biografen und Interviewer

Mittwoch, 23. August 2006

USB-Fußschalter
Wirklich nützliche Informationen und Gerätschaften bietet die Seite audiotranskription.de. Habe mir dort schon einen USB-Fußschalter samt kostenloser Software besorgt, um aufgenommene Interviews transkribieren zu können. Transkribieren ist ja nicht unbedingt die reine Spaßveranstaltung, aber mit dem Programm “f4″ und dem Schalter bin ich inzwischen recht flott geworden. Ich war heute seit langem wieder einmal auf der Homepage und bin dabei über ihre Tipps zu Telefonmitschnitten gestolpert. Abgesehen von diversen Adaptern kann man auch Telefonate, die über Skype geführt werden, mittels einer kostenlosen Software mitschneiden. Bei Skype kostet eine Minute ins Festnetz 1,7 ct. (Der Schwabe in mir spricht: Na prima, und ich habe eine Telefonflatrate, die dabei nix hilft).
Wie dem auch sei, ich kann audiotranskription.de nur jedem empfehlen, der sich mit den Tücken des Aufnehmens herumschlagen muss. Und ich krieg´ nichts für dieses Anpreisen!

“Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir”…

Dienstag, 22. August 2006

…so beginnt die erste Autobiographie der Literaturgeschichte. Ihr Titel ist “Confessiones” und sie entstand um das Jahr 400. Geschrieben hat sie Augustinus von Hippo, (* 13. November 354 in Thagaste in Numidien; † 28. August 430 in Hippo Regius im heutigen Algerien). Er war Kirchenlehrer, Theologe und Philosoph. Auch heute noch wird er als Heiliger verehrt, sein Gedenktag in der Katholischen und Anglikanischen Kirche ist der 28. August.

Die Confessiones beschreiben in einer Art Selbstbetrachtung Phasen der eigenen geistigen Entwicklung Augustins. Sie sind in 13 Bücher aufgeteilt. Die Bücher 1 bis 9 enthalten rückblickende Betrachtungen bis zum Jahr 387. Geschichtliche und politische Ereignisse jener Tage blendet Augustinus aus und legt den Schwerpunkt auf die Entwicklung seines Denkens, Suchens und Fragens. Im 10. Buch findet sich eine Schilderung seines Gemütszustandes zur Zeit der Abfassung, seine persönliche Schilderung seines “Sünderseins”. In Form eines Selbstgespräches enthält das 11. Buch philosophische Betrachtungen über die Zeit. Im Buch 12 bis 13 gibt Augustinus in Kommentierungen der biblischen Schöpfungsgeschichte sein Lobpreis auf die “Herrlichkeit Gottes” wieder.
13 Bände zu schreiben finde ich ganz ordentlich, auch wenn es damals noch keine Bücher im eigentlichen Sinne gab.
Vom Stoff seiner Confessiones her gesehen, war Augustinus aber eher ein “Holy-Ghost-Writer”.